Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen den Mützen meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, packe meine Bücher unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der Tür zu.
»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä schnell den Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! Augenbläckläch wärd er hänaufgeföhrt.«
Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den Pedell, der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei Minuten später im Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne bescheint, wache ich auf. Die Nachbarsleute versichern regelmäßig, ich hätte in den Nächten, die mir derartige Träume senden, furchtbar gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim, die ein sehr gutes Herz hat, rekommandiert mir jetzt bereits zum fünfundzwanzigsten Male ihr unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.
Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich immer noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine schwache Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda aufgefordert wurde, eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu liefern. Leider war mir der Gegenstand, über den meine oratorische Leistung sich erstrecken sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta die Geheimnisse der Strategie; aber in einer dunklen Vorahnung der Tatsache, daß der Diktator von Tours dereinst auch ohne diese Kenntnisse das militärische Szepter ergreifen würde, beschloß ich, kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay« zu liefern, das mich »herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich meine Hoffnung begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten Studentenliedes:
»Die Hussiten zogen vor Naumburg,
Über Jena und Camburg …«
Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur einer glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir gestellte Aufgabe zu lösen.
Ich begann.
»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten sich damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und Herüberlegen und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden aufrecht zu erhalten, demungeachtet der Krieg losbrach. So geht es eben in der Geschichte der Völker! Ganz ähnlich lagen die Dinge beispielsweise vor Ausbruch des Ersten punischen Krieges. Überall walten hier die gleichen Prinzipien: und so gilt denn diese Wahrheit auch von dem bedeutsamen und hochwichtigen Krieg, den ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser Krieg oder diese Kriege von den Anhängern des Professors Huß geführt wurden, so nannte man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die Hussitenkriege. Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu dem entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen Städtchen Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die daselbst nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst häufig stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die Frage ist noch unentschieden, welche der beiden Versionen die richtigere sei. Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung eines großen Scharfsinnes für die erstere Auffassung entscheiden. Ebenso anerkannte Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten Ansicht zu, und so will ich denn, da mir die Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind, die Frage nicht weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man nichts als Schwerter und Lanzen.«
Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten hätte. Von innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, bemerkte ich nicht, daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, – oder wenn ich sein Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen Ausdruck der Zufriedenheit, der mich ermutigen sollte, kühnlich fortzufahren.
Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; als ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das historische Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an sechszehn Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des Beifalls los, und mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß ich das Lächeln auf den wohlwollenden Zügen des Professors gänzlich mißdeutet hatte.