Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit der rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir die Note »ongenögend« anzumalen.
Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der Stirn. Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich entsinne mich, daß griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche Eigenschaft bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses summi auf die angedeutete Weise zu übertragen.
»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling in schnarrendem Tone.
»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines Mundes, »κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene Bemerkung erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten Besuch, und mein Onkel war da, und dann hatte ich noch gestern die Korrektur meiner neuen Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, und die ich Ihnen nicht dringend genug empfehlen kann.«
»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt änmal, wie sommä auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä täten auch besser, Sä öbten säch ärst noch ein wenäg in den Elementen der Scholbäldong, ehe Sä säch daran machten, einem denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo wollen. Wenn mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das ein sehr schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got, Sä gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal ein, Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender Vorbereitong ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden Karzer bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«
Jetzt wird mir die Sache zu bunt.
»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir Verhaltungsmaßregeln erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht das geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir bis jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen Sie das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen mich von einer Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen wird.«
»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben Sä änmal ins Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens …‹«
Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der Brust und schreite auf den Direktor los.
»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. Ich habe längst mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung bestanden, die mich zur Forderung einer anständigen Behandlung berechtigt. Lassen Sie sich Ihren Cicero pro Roscio Amerino einpökeln und das summi und alle übrigen lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust haben; ich danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau Gemahlin!«