Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist. Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand; und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll, daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, – mit derselben mathematischen Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt, da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden.
Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde.
Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht.
Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also gefeierte Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen Dank auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür in Depositum zu geben.
Nun begann die Komödie.
»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«
»Gehen Sie!«
Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe von einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das Fleisch ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel zum Munde führend, verschwand er im Korridor.
»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«