Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir nicht den Versuch gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum drittenmal auf den Leim gehen würde. Leider schlug dieser Versuch infolge des Umstandes fehl, daß die Freude an dem Zerspringen der kleinen Orsinibomben bereits zu beträchtliche Dimensionen angenommen hatte. Ehe noch Doktor Hähnle seinem Heppenheimer zurufen konnte: »Zum drittenmal …«, – hatte sich bereits das vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten Punkten des Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte Pädagoge nach den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer zu entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken ließ, als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene erlebt, wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns etwas wie Mitleid. Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich für die normale Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig war: dieser Mann gehörte nach Sexta.

Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit dieser Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, riß ihn mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er warf sich in Positur, hob die Faust und schrie mit geller Stimme:

»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern gefürchtet, meint Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«

Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte Apostrophe.

Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, der mit sich und seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte majestätischen Schrittes nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die Kopfbedeckung mit einer energischen Handbewegung über das Haupt und faltete dann die Arme vor der Brust.

»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich gehe jetzt zum Herrn Direktor.«

Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor Hähnle aber warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung zu und eilte dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.

Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz erträgliche Ruhe. Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen nach.

Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer exemplarischen Ahndung erhalten.

Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die nächsten acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden Untersuchung gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium beteiligte. Im Anfang blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren absolut fruchtlos. Die Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im ganzen nur zwei Knallerbsen zur Explosion gelangt seien, und daß der Täter in einem gewissen Heinsius gesucht werden müsse, der zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das Gymnasium für immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln. Schon gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen: aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, der den Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten Frevler wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion angezeigt – ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung eine wesentlich neue Richtung gab.