Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten wir zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen geschleudert habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns indes nach kurzer Frist ein »reumütiges« Geständnis ab.

Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene zu Protokoll. Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern der Knallerbsen zu Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten Gymnasialfürsten eine anderthalbstündige Unterredung. Er wollte absolut nicht glauben, daß es möglich sei, diese Schleuderung lediglich mit den Fingern zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf bezüglichen Zweifeln jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes Leugnen »onsere Lage nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich erbot, den Herrn Direktor durch den Augenschein zu belehren, wie vollkommen es möglich sei, durch eine kräftige Bewegung des Handgelenkes die erforderliche Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab sich der Skeptiker mit der Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt sein lassen«, zufrieden.

Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für sämtliche Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von uns wurden relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu zehn Tagen, und Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in Sekunda »auf sein Ansuchen« entbunden. Ein Vierteljahr später las man in dem großherzoglichen Regierungsblatt, daß Doktor Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner langjährigen Dienste pensioniert worden sei.

Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten Schüler a priori ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine Unarten in einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. Es ist kein Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit so gut wie gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, weil er sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor Hähnle ward gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede Regierung, der die Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau das, was ihr gebührt.

In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb gesetzter, ganz abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der Prima kein Hähnle befand. Die originellste Figur war hier ohne Zweifel der Direktor Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen des Humors nicht unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute. Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am Schlusse unserer lateinischen Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, die der »rector gymnasii illustrissimus, justissimus, dilectissimus«, wie er in solchen Hymnen gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig aufnahm und mit einem »Valde placet« am Rande der Arbeit belohnte.

Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: er litt nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener Primaner müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf seinem Platze sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, daß die Freuden des Morgenschlummers um so entschiedener gewürdigt werden, je mehr sich der Mensch innerlich und äußerlich entwickelt; und ich insbesondere war bereits in Unterprima ein unversöhnlicher Gegner des altklassischen Wahlspruches: Aurora musis amica.

Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in meiner Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf sieben den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, das die Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf dem Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes Unbehagen, das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis ich mir darüber klar werde, daß es die Erinnerung an meine Primanerzeit ist, die mir diese Gefühle im Busen zeitigt.

Es war doch eine peinliche Situation …! Man lag, von den köstlichen Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- und ahnungslos auf der Matratze und träumte von Hulda, der schwarzäugigen Schauspielerin, die des Tags zuvor im Linkerschen Saale so unvergleichlich die Anna-Liese gespielt hatte, oder von Pauline, der blonden Tochter des Stadtpredigers: da mit einemmal erscholl die klappernde Monotonie dieses verwünschten metallenen Weckers, und die duftigen Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor dem unbarmherzigen Tageslichte der Wirklichkeit. Im Traume vielleicht ein König, ein Gott, sah man sich jetzt wieder zum Sklaven der Stunde herabgewürdigt; der Zwang des Müssens trat in qualvoller Zudringlichkeit an uns heran und legte uns die eisernen Hände aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich zusammenschauerte.

Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf zwischen der Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, als wolle man die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter anderen Umständen noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam im Extrakt genießen. Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf die andere Seite, um schon nach Ablauf von dreißig Sekunden emporzufahren und nach der Zeit zu sehen. Man beneidete seinen älteren Bruder, der Student war und jeden Morgen bis elf Uhr in den Federn blieb. Man fluchte der irrationellen Einrichtung des Stundenplans, der die Klufenbrecherschen Auseinandersetzungen über Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit hätte verlegen können, und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter sich habe, das Versäumte mit aller Macht nachzuholen.