Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob der entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. Jetzt sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete sich mit einer Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus geworden ist. Nach Verlauf von fünf Minuten war man im Freien: den Kaffee hatte man wie ein hastiges Stehseidel hinunter gestürzt, und die Semmel pflegte man sich ohnehin zum behaglichen Verbrauch während der Lehrstunden aufzusparen.

So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam man denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig Minuten zu spät.

Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, um dem immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch zu steuern, die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende Entschuldigung den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem Vermerk »zu spät gekommen« notiert würde, und daß jeder, der innerhalb einer Woche zweimal notiert worden sei, einen Tag lang in den Räumen des Karzers über die Pflichten des Primaners nachzudenken habe.

Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit beraubt wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen Eventualität einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem Zweck bedurfte ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren Beitreibung meinen ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm.

Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet, daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein »Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um so dem dulce doch wenigstens einen Gran von utile beizumischen. Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter meiner Adresse.

Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten. Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar namentlich aber für das Zuspätkommen:

»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«

»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«

»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«