Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder »dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem Schenktische.
Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische, um uns niederzulassen.
Da – wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben. Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen Brille.
Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang:
»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht getäuscht.«
Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs ihn versteinert.
»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«
»Rompf, was onterstehn Sä sich?«
»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln.
»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«