Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte Herz alles möchte … Es sähe gern … die Bächlein fließen … die Blumen sprießen … den Jäger die Rehlein schießen usw. Aber überall tritt ihm das Fatum entgegen; überall dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der Schickung Groll verbeut's!«

Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, wie gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern« verwerten können.

Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein wenig kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen, zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen auf die Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte besitze ich noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, als Samuel Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung über das Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:

Unsere Lehrer.

Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,
Doch jede Störung ist ihm antipathisch.
Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,
Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.
Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:
Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.
Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,
Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.
Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,
Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.
Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?
Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!
Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,
Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:
Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, –
Und Prima fühlt entschieden demokratisch!

Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine schnöde Entweihung gewesen … Und dann entschloß man sich gleichwohl, wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte, lieblose Welt …

Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in seiner »Lottka«.

Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte.

»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener Abendzeitung« unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender, die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos, betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen, die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis rief.«