Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet!

Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O. oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, – wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig- und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig, und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik setzen!«

Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.

Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw.

Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene:

Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.

Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein schäumendes Glas.

Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr … Unter dem Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht.

»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit wegwerfender Gebärde.

Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus vollem Halse belacht wird.