»Mein Bruder Jérôme Napoleon,
König von Westphalen!«
»Wie?« fragte Jérôme, »›mein Bruder‹ schreibt er? Nicht, ›mein lieber Bruder‹? Das wird mir wieder eine saubere Epistel sein! Weiter!«
Der Bibliothekar fuhr fort.
»Alles, was ich von Ihnen erfahre, liefert mir den Beweis, daß meine Rathschläge, meine Anordnungen, meine Befehle nicht den geringsten Eindruck auf Sie machen. Die Geschäfte sind Ihnen lästig. Die Pflicht der Repräsentation ennuyirt Sie. Mein Bruder, bedenken Sie, daß das Metier eines Königs gelernt sein will! Ein Souverän ohne die gehörige Repräsentation ist ein Unding. Sie lieben die Freuden der Tafel. Sie lieben die Frauen. Beides wird Sie zu Grunde richten. Machen Sie's wie ich: bleiben Sie eine halbe Stunde bei Tische und lassen Sie die Weiber – Weiber sein!« …
»Diese Unverschämtheit!« stammelte der König in höchster Aufregung. »Was hat er sich darum zu kümmern, ob ich mein Leben genieße oder nicht! So was ist in der Geschichte noch nicht dagewesen! Ich möchte wissen, wozu ich König bin, wenn ich mich nicht amüsiren soll! Gieb Acht, Pigault, es ist wieder auf eine von meinen … Freundinnen abgesehen!«
»Ach, ich glaube nicht daran … Wir gehen zu vorsichtig zu Werke … Gilt die reizende Caroline nicht allenthalben für meine Gemahlin? … Und die deutsche Gräfin, die wir aus München geholt haben, hält man sie nicht allgemein für die Frau Ihres Leibarztes …?«
»Aber die kleine Heberti, die Tänzerin?«
»Pah! haben wir sie nicht als Kammerfrau bei der Justizministerin untergebracht? Kein Gedanke, Sire! Niemand kann ernstlichen Verdacht geschöpft haben!«
»Du siehst alles im rosigsten Lichte. Leider weiß ich nur zu genau, daß jeder meiner Schritte überwacht wird. Wer zählt die Spione, die mein liebenswürdiger Bruder besoldet? Nirgends sind wir sicher, nicht einmal mehr bei unseren intimen Soupers …«