Siebentes Kapitel.
Wochen und Monate verstrichen. Der kühne Dictator Gambetta – getreu seinem Grundsatze, lieber sein Vaterland zu ruiniren, als die erlittenen Niederlagen einzugestehen – hatte den Krieg gegen die siegreichen deutschen Heere mit ebenso wenig Glück als Verstand fortgesetzt. In der Nähe von St. Quentin stand der General Faidherbe an der Spitze der sogenannten Nord-Armee den kampferprobten Truppen des General Göben gegenüber. Das ganze Departement, Clatou und Gressinet nicht ausgenommen, zitterte und bebte; denn Jedermann fühlte, daß es binnen kürzester Frist zu einem entscheidenden Schlag kommen mußte, und Frankreich hatte bereits zu oft die Wucht der deutschen Hiebe empfunden, als daß die siegesgewissen Phrasen der Delegation und ihrer Feldherren ernstlich hatten verfangen können.
Eine klare, frostige Winternacht breitete ihre sternbeglänzten Fittiche über den Erdball. Clatou und Gressinet hatten im Arme des Traumgottes ihre Zwistigkeiten und das Unglück ihres einst so übermüthigen Vaterlandes ziemlich vergessen. Nur zuweilen fuhr ein Clatounese jählings zusammen und stammelte schlaftrunken die heroischen Worte: »Keinen Stein unserer Festungen!« Nur zuweilen entschlüpfte einem Gressineter der selbstzufriedene Ausruf: »Sie ist gerettet!«
Der Mond schien hell; die Eiszapfen des städtischen Brunnens flimmerten feenhaft; breit und leer lagen die hartgefrorenen Straßen, und an den Fensterscheiben malte die Kälte bereits in undurchsichtigen Schichten ihre phantastischen Blumen und Arabesken.
Vom Thurme Clatou's schlug es drei … Da horch! Klang das nicht aus der Ferne wie das Grollen eines herannahenden Gewitters? Horch! Wieder und wieder erneut sich der dumpfe, unheimliche Schall; immer näher und näher wälzt sich das seltsame Dröhnen und Donnern!
Jetzt wird es in Clatou lebendig. Allenthalben blitzt Kerzenschein durch die eisbedeckten Scheiben. Hie und da öffnet sich ein Fenster, und lange, weißgekleidete Gestalten in wallenden Zipfelmützen strecken ängstlich schnuppernd die Nasen ins Freie. Man klappert vor Frost und Entsetzen. Wilde Flüche auf Ollivier und Napoleon III. mischen sich mit dem Schreckensrufe: »Die Preußen!«
Nach zehn Minuten ist die ganze Gemeinde Clatou auf den Beinen. Die Weiber stürzen mit fliegenden Haaren und gerungenen Händen auf die Straße. Die Männer stehen stirnrunzelnd vor den Hausthüren und gaffen in die mondhelle Nacht hinein. Jetzt naht der Wächter und bläst Alarm. Der Küster eilt nach der Kirche, um die Glocken zu läuten. Bleich wie der Tod tritt der Herr Maire auf den Balkon seines ›Palastes‹ und starrt hinunter in das rath- und trostlose Gewühl. Zwei der beherztesten Patrioten eilen vor das südliche Thor, um die Situation auszukundschaften.
In Gressinet hat sich unterdessen die gleiche Comödie aufgespielt. Jules Pierrot und Croquepeu rennen in voller Nationalgarde-Uniform durch die Straßen und rufen die Bürger nach der Scheune des alten Grimmont. Die Weiber schreien ganz in derselben Tonart wie die Clatouneserinnen, und die Familienväter fluchen noch lauter als ihre Collegen in der Mutterstadt. Auch Gressinet sendet Kundschafter aus.
Inzwischen kommt das Gefecht näher und näher. Es ist eine versprengte Abtheilung französischer Truppen, die von einigen deutschen Bataillonen verfolgt und mit jeder Minute mehr in die Enge getrieben wird. Jetzt treffen die ersten Flüchtlinge in Clatou ein. Sie bringen die Schreckensnachricht, daß gestern eine große Schlacht stattgefunden, die General Faidherbe verloren habe. Kaum hat man ihnen etwas Speise und Trank gereicht, als auch schon die ersten feindlichen Granaten aufs Straßenpflaster einschlagen. Alles rennt, rettet und flüchtet. Der Bürgermeister verkriecht sich in den untersten Keller der Mairie; das Verließ, in welchem der arme Goguenard noch immer von Amtswegen schmachtet, wird erbrochen, denn es ist bombenfest. Zehn, zwanzig, dreißig Bürger leisten mit einem Mal dem erstaunten Weinwirth Gesellschaft. Goguenard, nicht faul, benutzt die Gelegenheit zur Flucht und langt athemlos in Gressinet an, wo er zwar freundlich, aber ohne Enthusiasmus empfangen wird. Die Angst lähmt alle anderen Empfindungen.
Zitternd lauschen die Patrioten aus ihren Verstecken dem stets wachsenden Schlachtlärm. Die ganze Schaar der flüchtigen Franzosen hat sich auf Clatou geworfen. Der Feind überschüttet die Stadt mit einem furchtbaren Hagel von Projektilen. Die Franzosen suchen sich zu verschanzen: ein eitles Beginnen. Nach Verlauf einer halben Stunde sind sie zum westlichen Thore hinausgeworfen. Mit Hurrah dringen die Preußen nach. Die Soldaten Gambetta's erkennen ihr Schicksal … In Béricourt, eine Stunde westwärts von Gressinet, werden sie umzingelt. Sie capituliren.