Von allen Seiten bestürmen mich neue, bewegende Eindrücke. Nahezu sechs Wochen sind verflossen, seit ich zum letzten Mal eine abendliche Flanade über diese Trottoirs unternahm, und es war damals obendrein eine äußere Veranlassung, die mich hierher führte, ein specieller Zweck – was dem eigentlichen Esprit des Bummelns bekanntermaßen zuwiderläuft. Nein, ich begreife mich nicht! Sechs Wochen halte ich's aus da drüben in meiner beschaulichen Einsamkeit, und hier wogt und brandet ein Ocean von Bildern und Stimmungen, wie ihn die Seele farbenprächtiger nicht wünschen kann.

Ich setze meinen Hut noch um eine Nüance schiefer auf's Ohr, fasse den Stock in der Mitte und runzle die Stirn wie ein übermüthiger Dandy, der im nächsten Augenblick eine Welt zu erobern gedenkt.

Jetzt begegnet mir eine Mutter mit zwei Töchtern. Wohlgebaute Blondinen im Stile Paolo Veronese's. Wahrhaftig, die eine hat ein ganz allerliebstes Gesichtchen: etwas geistlos, das ist wahr: aber du lieber Gott, am Ende ist der Geist nur ein Vorurtheil, und von der Leinwand wirkt das üppige Incarnat eines blühenden Nackens jedenfalls energischer, als der seelische Duft einer feingeschnittenen Lippe. Beim Himmel, wenn ich ebensoviel Technik als Verständnis besäße, ich möchte diese saftige Blondine malen, wie Tizian seine Catarina Cornari gemalt hat, als schlichtes Porträt ohne irgend welche artistische Zuthat … Und jetzt diese büßende Magdalena … So wahr ich lebe, das Original in optima forma zu dem famosen Gemälde Murillo's! Es ist eine wahre Schande, daß ich mir seit Monaten eine so peinvolle Reserve auferlege, und lediglich aus Rücksicht … Alle Vorzüge können sich doch nun einmal unmöglich in einer und derselben Person vereinigen. Josephine ist hübsch, freundlich, aufmerksam, zärtlich, liebenswerth, – kurz, vom Standpunkt eines christlich germanischen Alltaglebens betrachtet, das Ideal einer jungen Frau. Aber in rein künstlerischer Beziehung, mit dem Auge eines Rafael oder eines Correggio gesehen … Pah, man wird nothgedrungen einseitig, wenn man sich jeder anderweitigen Bewunderung enthalten will …

Nachdenklich setze ich meine Wanderung fort. Ein gelinder Groll gegen unsere sociale Ordnung spinnt seinen Nebelschleier um meine pessimistisch angekränkelte Seele. Warum nehmen es die Frauen auch nur so heillos übel, wenn man gelegentlich eine ihrer Mitschwestern hübsch findet! Ich erinnere mich noch des seltsamen Blickes, den mir Josephine zuwarf, als ich im verwichenen Herbst jene dunkeläugige Unbekannte im Foyer des Victoriatheaters mit dem Lorgnon fixirte. Für etwas Romantisches haben diese Töchter aus guter Familie absolut keinen Sinn. Als ob meine Neigung unter einer derartigen praktischen Studie im mindesten leiden könnte. Ein künstlerisch angelegtes Herz verlangt mehr als die bloße häusliche Glückseligkeit, und schließlich – der Teufel weiß, wie es zugeht, aber das Factum bleibt unanfechtbar – schließlich haben diese Unbekannten immer ein gewisses Etwas, das den uns so wohlbekannten Gattinnen abgeht, ein nescio quid von poetischem Zauber, einen Hauch von geheimnisvoller Novellestik, dessen nähere Definition ebenso unmöglich ist, wie die Analyse des Schönen überhaupt.

Was ist das zum Beispiel für eine reizende, graziöse Gestalt, die da quer über die Straße kommt und jetzt in den Galanterieladen eintritt! Ein Füßchen zum Entzücken, und eine Anmuth in jeder Bewegung, wie man sie eben nur bei Unbekannten findet.

Ich trete an das Schaufenster. Ein Seufzer entringt sich meiner Brust, lang und gepreßt, wie ein Passus aus Schopenhauer's Kapitel über das Leiden der Welt. Zwischen den Fächern und Schmuckkästchen hindurch dringt mein Blick in das Innere des Gewölbes. Die schöne Unbekannte kehrt mir den Rücken. Jetzt beugt sie sich über den Ladentisch, um eine Waare in Augenschein zu nehmen … Wie pittoresk war diese Wendung des Armes! Und wie geschmackvoll sie gekleidet ist! Hier erkennt man so recht den Unterschied zwischen dem Schlicht-Bürgerlichen und dem Classisch-Poetischen. Mich dünkt, ich habe eine ähnliche Jacke auch bei Josephinen gesehen: aber wie ganz anders war der Effect! Hier eine gewisse Genialität im Faltenwurf, dort eine nüchterne Accuratesse, eine ruhige Einfachheit, die für gewisse Charaktere ihren Reiz haben mag, aber auf die Dauer eine ästhetische Lücke läßt. Kleider machen Leute, sagt das Sprüchwort; mit der gleichen Berechtigung kann man die These umkehren. Dasselbe Gewand von verschiedenen Personen getragen ist nicht mehr dasselbe. Die Individualität haucht dem Kleidungsstück ihr ganzes Wesen ein. Ich glaube, Aspasia wäre im Stande einen Zwillichkittel so zu drapiren, daß er einen königlichen Purpur beschämte.

Und diese reizende Robe! Einfach und anspruchslos, und doch bedeutsam und charakteristisch. Diese stahlfarbene Nüance hat etwas Aristokratisches. Warum Josephine einen derartigen Stoff nicht gewählt hat? Aber es ist nun einmal nicht zu ändern. Gewisse Dinge existiren nicht für die normale deutsche Hausfrau: man entdeckt sie nur fernab von dem Weichbilde des heimischen Herdes.

Wie lange sie wählt und prüft! Auch hierin offenbart sich ein distinguirter Charakterzug. Da … da … um ein Haar hätte ich ihr Gesicht zu sehen bekommen. Das Stückchen Wange, das mir in duftiger Verklärung entgegengeleuchtet hat, erweckt eine unwiderstehliche Sehnsucht in mir, das ganze ambrosische Angesicht aus der nächsten Nähe zu schauen. Ich interessire mich jetzt so glühend für diese schöne Käuferin, daß es mich bereits nach ihrer Biographie gelüstet. Wo mag sie wohnen? Wie mag sie heißen? Das beste ist, ich lasse sie hier vorbeipassiren und gehe ihr dann nach, sittsam und in bescheidener Entfernung, wie es einem verheiratheten Ästhetiker geziemt … oder nein … ich sehe nicht ein, weshalb ich so übermäßig bescheiden sein sollte. Mein Naturell steht mit einem solchen Vorsatz in diametralem Widerspruch. … Nun, wir werden ja sehen.

Ah, da kommt mein trefflicher Freund Leo. Schon von fern lacht er mich mit dem ganzen Vollmond seines biederen Kneipgesichts an, als wollte er sagen: »Trifft man dich auch endlich wieder einmal unter den Lebenden?«

Auch ich bin erfreut, dich zu sehen, wackerer Genosse meiner akademischen Ausschweifungen, unvergleichliches Danaidenfaß, in dessen bodenlosem Schlunde so manches Quart Lagerbier und so manche Punschbowle ein ruhmloses Ende gefunden.