Da schlägt die Wanduhr auf meinem Corridor sechs … Schon seit mehr als einer Stunde sitze ich hier bei dem wuchtigen Quartband, ohne über die erste Seite hinauszukommen. Die Wahrheit geredet, es ist eine polizeiwidrige Thorheit, sich so gegen Laune und Behagen zum Studium zu zwingen. Diese ewigen Theorien! Diese unablässigen Philosopheme! Man verliert schließlich vor lauter ästhetischer Fachbildung den unbefangenen Blick und den naturwüchsigen Geschmack. Eine Stunde vor der Danaë Tizian's ist, alles in allem, fruchtbarer, als hundert Erwägungen über die Gesetze der Farbengebung; und wer die Schönheit nicht in den lebendigen Originalen bewundern kann, dem frommt kein Speculiren und Grübeln: sein Urtheil bleibt ewig laienhaft.

Ist ein wahrhaft ästhetisch angelegtes Naturell überhaupt mit dem Joch der Ehe vereinbar? Ich bin jetzt seit elf Monaten verheirathet. Meine Josephine ist die Liebenswürdigkeit selber … und doch trage ich das unbestimmte Bewußtsein mit mir herum, daß ich vom Standpunkt des rein Menschlichen etwas eingebüßt habe. Ich bin so häuslich, so philiströs solide geworden, daß die Musen mich gewiß schon halb und halb zu den verlorenen Söhnen rechnen. Wenn ich bedenke … ehedem … die burschikose Ungebundenheit, die Frische der Weltanschauung, die genialische Lust an Abenteuern … und jetzt …! Bei Gott, ich glaube, es vergehen manchmal drei, vier Wochen, ohne daß ich einer einzigen gediegenen Kneiperei anwohne. Und nun läßt sie mich seit einigen Tagen überdem noch allein, anstatt, wie sonst, drüben in der Ecke auf der kleinen Ottomane zu sitzen und meine Studien mit einer Handarbeit zu begleiten. Mein Geburtstag ist in der Nähe, und da es eine Überraschung gilt, so verbleibt sie in ihrem Boudoir und hält eine strenge Clausur ein. Die gute Seele! Sie meint es so ehrlich, und es ist eigentlich undankbar, daß ich mich in dieser misanthropischen Stimmung befinde, aber die Thatsache ist nicht zu ändern, und alle Gefühle der Zuneigung können mich nicht abhalten, diese ehrsame Monotonie des bürgerlichen Daseins hin und wieder ein wenig farblos zu finden.

Warum bin ich eigentlich so gutmüthig, mir diese aufgezwungene Einsamkeit gefallen zu lassen? Das Wetter ist herrlich, drei Grad Kälte und mondhell … Bis zum Thee habe ich noch zwei Stunden Zeit. Wer weiß, ob mir da draußen nicht irgend etwas begegnet, was mich aus dem Cirkel meiner Alltagsempfindungen herausreißt. Apollo ist mein Zeuge, daß ich nur aus rein künstlerischen Gesichtspunkten, nur um diese schlichte Existenz etwas effectvoller zu coloriren, nur um der ästhetischen Anregung willen … Doch ich thue gerade als bedürfte ich vor mir selber einer Entschuldigung! Lächerlich! Ich kenne meine Pflichten, aber auch meine Rechte.

Langsam richte ich mich empor, lege die Opera omnia meines Theoretikers bei Seite und fahre in meinen Überzieher. Den Hut setze ich ein wenig nach links auf's Ohr; das verleiht der ganzen Erscheinung etwas Keckes und Selbstbewußtes und wirkt indirect auf die Gemüthsverfassung.

So, und nun den Stock – nicht jenes biedere, wuchtige Olivenholz mit der familienväterlichen Krücke, das ich gewöhnlich zu tragen pflege, sondern dieses elegante Bambusrohr, mit dem ich einst in den goldenen Tagen der süßen Jugendeselei den alten Seligmann abgefuchtelt, als er mir in gar zu dringlicher Weise ein unangenehmes Papier präsentirte.

An der Gasflamme der Hausflur zünde ich mir im Vorbeigehen eine Cigarre an, qualme ein paar bedeutungsvolle Rauchwolken wider die Decke und schreite dann elastischen Wandels durch die mächtige Bogenpforte ins Freie.

Ein herrlicher Abend! Friedlich kräuselt sich der Rauch über den Dachfirsten, wie versilberte Wölkchen, die unter dem Kusse des Mondscheins im Azur zerfließen. Die Façaden der Südseite liegen fast in tagheller Beleuchtung: nur in den kleinen Vorgärten flimmert eine sanfte bläuliche Dämmerung. Es ist still hier draußen in dem einsamen Parkviertel, still wie in dem Dasein eines christlichen Ehemanns. Nur selten wandelt ein Ereignis in Gestalt eines sorgfältig frisirten Livréebedienten oder eines Dienstmädchens über den hart gestampften Bürgersteig. Alles athmet eine behäbige Ruhe, eine zahlungsfähige Sicherheit. Selbst das Rollen der Equipagen beschränkt sich hier auf bestimmte Stunden des Tages, und jetzt, um sechs Uhr, ist in dem ganzen Quartier keine Achse in Bewegung. Das Theater beginnt erst um sieben, und die Spazierfahrten endigen mit hereinsinkender Dämmerung.

Allmählich führt mich der Weg in belebtere Stadtviertel. Rechts und links tauchen Magazine und Läden auf. Die Zahl der Fußgänger vermehrt sich: auf dem Damm kreuzen sich die Droschken und Lastwagen. Noch zehn Minuten, und ich befinde mich mitten im Herzen des großstädtischen Verkehrs. Hinter den glänzend erleuchteten Spiegelscheiben winken mir alle Schätze Europa's in geschmackvoller Anordnung. Ein wahres Chaos von Fuhrwerken nimmt die ganze Länge und Breite der Straße ein. Die Schaaren der Fußgänger schieben sich in buntem Gewimmel an den blitzenden Etalagen vorüber. Die ganze Atmosphäre summt und dröhnt von jenem unentwirrbaren Ineinanderklang hundert verschiedener Geräusche, deren Ensemble auf die Nerven des Großstädters ebenso wohlthätig wirkt, wie die Landluft auf das Naturell eines Dorfpastors.