Jetzt scheint sie bemerkt zu haben, daß ich ihr auf den Fersen bin. Sie hat leise den Kopf gewendet, sie beschleunigt ihre Schritte. Das ist entweder ein Zeichen von hohem sittlichem Ernst, oder von reizender Koketterie. Aber Gott sei Dank! Noch bin ich nicht so sehr zum Philister geworden, daß ich nicht im Stande wäre, eine solche Parforcepromenade auszuhalten. Noch habe ich mich von dem Embonpoint deutscher Familienväter freizuhalten gewußt. Bei den Göttern, diese Eilfertigkeit steht ihr entzückend. Wie fest und doch wie schmiegsam sie auftritt. Das ist eine Poesie des Wandels, an der sich ein Apollo berauschen könnte.
Jetzt beginnt die Sache in der That humoristisch zu werden. Das räthselhafte Geschöpf schlägt immer entschiedener dieselbe Route ein, die ich wählen müßte, wenn ich direct nach meiner heimischen Wilhelminenstraße eilen wollte. Wäre ich ein gläubiger Romantiker aus der alten Schule, so dächte ich jetzt an eine moralisch gesinnte Fee, an eine ideale Personificirung meines ehelichen Gewissens. Die schöne Huldin wäre etwa Titania, die, von heiligem Schmerz erfüllt, ihren Liebling auf Irrwegen zu sehen, die Gestalt einer bestrickenden Sirene angenommen hätte und mich nun, ohne daß ich es ahnte, zu den Laren des häuslichen Herdes zurückführte.
So wahr ich selig werden will, da sind wir an der Ecke der Wilhelminenstraße, und jetzt wendet sie sich nach links, – ganz der Weg, den die alltägliche Moral mir vorzeichnen müßte. Am Ende ist sie eine von den schönen Engländerinnen in Nummer 20, die ich bereits drei- oder viermal durch mein Taschenteleskop zu bewundern die Ehre hatte. Das wäre in der That ein höchst pikantes Zusammentreffen! Wenn sie nur nicht so verteufelt liefe, – daß ich ihr einmal en passant ins Gesicht sehen könnte. Aber sie scheint instinktiv zu fühlen, wie sehr sie mein Herz entzündet hat, und so scheut sie sich wohl vor einem Rencontre. Verdammt, daß der Weg an meiner Wohnung vorüberführt. Es wäre mir doch unangenehm, wenn Josephine … und wer garantirt mir dafür? Bei Mondschein sitzt sie oft stundenlang am Fenster und vertieft sich in die wundersamen Lichtspiele … Heute freilich ist sie beschäftigt …
Aber was sehe ich? Bin ich von Sinnen? Da hüpft mein bezauberndes Räthsel in meine Hausflur und eilt meine Treppe hinan. Um aller Heiligen willen, was habe ich angestellt? Gewiß eine gute Freundin Josephinens, die mich erkannt hat und mich nun in flagranti verklagen will. Soll ich ihr folgen? Oder ist es rationeller, so schnell als möglich umzukehren? Aber nein, das wäre eine Schwäche, die den Edlen entwürdigt. Was kann sie überdies sagen? Es ist nur zu begreiflich, daß ich den nächsten und bequemsten Weg nach meiner Wohnung einschlage, und die Straße ist Gemeingut. Nein, sie würde sich mit der geringsten Andeutung nur lächerlich machen; sie muß etwas anderes in Petto haben; also vorwärts!
Ich stürme ihr nach. Die Corridorthüre hat sich inzwischen bereits geschlossen. Ich klingle. Man öffnet mir. Und wer öffnet mir? Vor mir steht, in dem malerisch drapirten Tuchpaletot, in dem stahlblauen Promenadenkleide, das kleine Packet in der Hand, das sie auf der Straße getragen – meine Frau!
Sie schaut mir mit einem unbeschreiblich schelmischen Ausdruck ihrer dunkelbraunen Augen ins Angesicht, wünscht mir »Guten Abend«, und eilt dann, mir nochmals herzlich zunickend, in ihr Zimmer.
Keines Wortes mächtig, starre ich ihr nach; dann entledige ich mich stumm und geräuschlos meines Überziehers, schleiche in mein Gemach und werfe mich in den Lehnstuhl. Die Hände über der Brust gefaltet, suche ich mir meine lehrreichen Erlebnisse zurecht zu legen. Nur ungern gestehe ich mir's, aber die Wahrheit bricht schließlich durch: ich bin wüthend, wüthend auf mich, wüthend auf Josephine, wüthend auf meine künstlerischen und nicht künstlerischen Bestrebungen, wüthend auf alles Bekannte und Unbekannte. Ich habe mich vor meiner eigenen reinen Vernunft so colossal blamirt, daß ich nicht weiß, ob ich jemals wieder in der Lage sein werde, mir die volle ursprüngliche Hochachtung zu zollen. Mein ganzes Ich verfällt in einen Zustand moralischer Zerrissenheit; ich möchte mich ohrfeigen.
Da legt sich ein Arm um meinen Nacken, zwei frische blühende Lippen senken sich auf die meinen, und eine weiche Hand streichelt mir wie beschwichtigend über die Stirne.
Der seltsame Bann ist gelöst. Noch immer verlegen, gewinne ich doch allgemach mein seelisches Gleichgewicht wieder. Josephine erwähnt das Vorgefallene mit keiner Silbe, aber ich sehe es ihrem schalkhaften Lächeln an, daß sie meine ganze Thorheit durchschaut hat.
Zwei Tage später überrascht sie mich mit den Früchten ihres improvisirten Abendganges. Ein reizendes Geburtstagsgeschenk, viel sinniger und liebenswürdiger, als es ein Mann verdient, der die poetischen Anregungen außer dem Hause sucht. Ich schließe Josephine an mein Herz und schwöre mir insgeheim, mich nie wieder von den Launen einer selbstbetrügerischen Verstimmung gängeln zu lassen. Der erste Versuch einer unerlaubten Romantik ist zu schmachvoll mißglückt, als daß ich Lust verspürte, mich zum zweiten Male auf's Glatteis zu wagen.