»Wenn Sie meinen, das wär' der Schlüssel …«
»Freilich ist er's!«
»Er kam mir nur so vor, als ob der Kamm größer wäre. Er wird's aber wohl sein, Herr Justizrath.«
Er wandert nach dem Eckschrank, öffnet und nimmt mit zögernder Bedächtigkeit die Flasche heraus.
Das Tintenfaß wird vollgeschüttet, die Flasche wieder eingeschlossen, der Schlüssel aufs Bücherbrett gelegt. Abermals arbeitet das Probirhölzchen, abermals stellt die Feder ihr Examen an. Diesmal lautet der Urtheilsspruch des würdigen Scribenten auf genügend.
Er rückt nochmals die Mappe zurecht, berührt alle Gegenstände, die vor ihm ausgebreitet liegen, drei- oder viermal mit der flachen Hand, und taucht dann den Kiel frisch und fröhlich in die dunkle Flut.
Trendler hat nicht bedacht, daß er das Faß bis zum Rande gefüllt. Die Feder, anderthalb Zoll weit mit Tinte getränkt, weint auf das jungfräuliche Papier einen großen, rundlichen Klex.
Trendler ist nicht der Mann, sich durch eine solche Kleinigkeit aus der Fassung bringen zu lassen. Mit philosophischem Gleichmuth ergreift er das Sandfaß, bestreut die Lache mit einer mächtigen Trockenschicht, und hebt so den ganzen Klex bis auf einen grauschwarzen Fleck vom Bogen ab. Dann erfaßt die Rechte das mehrfach genannte Messer, läßt die Radirklinge herausspringen, und beginnt in sanftem Adagio zu schaben. Allgemach wird die Musculatur Trendler's lebhafter. Das Adagio verwandelt sich in ein sehr taktfestes Allegro. Deutlich unterscheiden wir die Melodie des bekannten Volksliedes:
»Mädele, ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite …«
Mein Onkel wird aufmerksam. Prüfend hebt er das kluge, graue Auge. Eine Minute lang steht er dem musikalischen Radirkünstler ruhig zu. Ein Lächeln fliegt über seine sonst so ernsten Züge.