Kapitel V.
Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie.

Indessen wußte man in der praktischen Chirurgie mit dieser Entdeckung zunächst noch nichts anzufangen, da irgend ein Weg, die Wunden vor dem Eindringen von Keimen zu schützen, bisher noch nicht gefunden war. In diese Lücke trat Joseph Lister ein, nicht mit dem Vorwärtsstürmen eines alle Hindernisse überspringenden Genies, sondern in der langsamen Weise des ruhigen Beobachters und ernsten Naturforschers, der keinen Schritt vorwärts tut, ohne sich vorher die Grundlage zu sichern, auf die er treten will. Lister war mit 42 Jahren auf den Lehrstuhl für Chirurgie in Glasgow als Nachfolger seines Schwiegervaters Syme berufen worden; als er die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen begann, war er Professor der Chirurgie in Edinburgh. Der hochgewachsene, kräftige Mann von echt germanischem Typus, das Haupt mit leicht gewellten, ein wenig lang getragenen Haaren bedeckt in dessen blauen Augen sich neben einem etwas schwärmerischen Ausdrucke eine unendliche Güte und nie versagende Liebenswürdigkeit widerspiegelte, stand dort im achten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf der Höhe seines Schaffens. Dort empfing er die zahlreichen Besucher aus allen Weltteilen sowohl in seiner Klinik, der alten Infirmary, als in seinem Hause immer mit der gleichen Gastlichkeit, aber auch stets mit der gleichen wissenschaftlich ernsten Sachlichkeit. Denn oft geschah es, daß er nach einem Mittagessen in seinem Hause einen oder mehrere seiner Gäste zu einem Vortrage über seine Theorie und zur Besichtigung seiner Bakterienzüchtungen einlud; und nicht selten holte er noch spät abends einen Gast aus dem Gasthause ab, weil eine wichtige Verletzung ihm aus der Klinik gemeldet worden war. So wußte er seine Zuhörer stets in kürzester Zeit in Theorie und Praxis einzuführen. —

Durch Pasteurs Arbeiten angeregt, hatte sich Lister schon jahrelang mit dem Studium der Bakterien und ihrer Beziehungen zu Wunden beschäftigt, aber zunächst rein theoretisch. Den Anstoß zur Umsetzung in die praktische Tätigkeit erhielt er durch einen Bericht vom Jahre 1865 über die Wirkungen, welche man auf den Rieselfeldern der Stadt Carlisle durch Zusatz von Karbolsäure zu den Abwässern gemacht hatte: fast jede Art von Fäulnis wurde auf diese Weise verhindert, tierische und pflanzliche Schmarotzer unschädlich gemacht und zerstört. Von diesem Antiseptikum, der Karbolsäure, gingen also Listers praktische Versuche aus; aber es möge von vornherein betont werden, daß sie einem wesentlich anderen Gesichtspunkte Rechnung trugen, als dies bisher geschehen war. Seine zahlreichen Gegner, die ihm besonders in England erstanden (Simpson, Elliot u. v. a.), suchten zu beweisen, daß seine „antiseptische Behandlung“ nichts weiter sei als die längst bekannte Anwendung der Karbolsäure bei der Wundbehandlung. Demgegenüber hat Lister stets den grundsätzlichen Unterschied zwischen seiner „antiseptischen Wundbehandlung“ und der Anwendung antiseptischer Mittel als Verbandmaterial hervorgehoben.

Um diesen Unterschied klar hervortreten zu lassen, möge zunächst ein kurzer Abriß der Geschichte der bisher üblichen chemischen Wundmittel gegeben werden, die von den Gegnern Listers zusammengetragen worden ist. Sie ist von Thamhayn (Halle) in seinem unter der Anregung Volkmanns geschriebenen Buche: „Der Listersche Verband. 1875“ verwertet worden. Auf die von John Colbatch („A treatise on Alkali and Acid“) im Jahre 1698 verfaßte Schrift brauchen wir nicht weiter einzugehen, da sie nur für Physiologen und innere Mediziner Interesse bietet. Aber sie enthält einen Anhang unter dem Titel: Novum lumen chirurgicum, in welchem ein Wundpulver dringend empfohlen wird, nicht nur als vortreffliches Blutstillungsmittel, sondern zugleich wegen seiner Einwirkung auf frische Wunden. Der entscheidende Satz lautet nach Thamhayns Übersetzung folgendermaßen: „Ungefähr 4 Tage nach der ersten Anwendung des Pulvers wurde die Wunde wegen eines neuen Verbandes freigelegt. Sie war in einem sehr guten Zustande, eiterte nicht im geringsten, und nur eine dünne wäßrige Flüssigkeit von der ich vermute, daß sie aus den Drüsen und Lymphgefäßen ausgeschwitzt sei, kam zum Vorschein. Blieb sie eine Zeitlang auf dem Verbände liegen, so fing sie an zu riechen; aber das, was aus der Wunde frisch herauskam, war wohlriechend wie eine Rose.“ Da der Verfasser die Zusammensetzung des Pulvers nicht verrät, so ist es müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen; nur so viel sei gesagt, daß die Schilderung des Verhaltens der Wunde der Wirkung eines antiseptischen Mittels entspricht ohne daß man gerade an Karbolsäure zu denken braucht.

Die Karbolsäure, welche in Listers antiseptischer Behandlung eine so hervorragende Rolle gespielt hat, wurde im Anfange der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts von Deutschland und Frankreich aus ungefähr gleichzeitig empfohlen. Der Franzose Lemaire veröffentlichte 1863 eine Abhandlung über das Mittel, die 1865 in erweiterter Ausgabe erschien. Eine im Inhalte ähnliche Arbeit lieferte in dem gleichen Jahre Déclat; doch soll schon im Französisch-Österreichischen Feldzuge von 1859 die Karbolsäure in Form eines Pulvers aus Kreide und Steinkohlenteer zur Anwendung gekommen sein. Noch früher, als es in Frankreich geschah, hat Küchenmeister in Dresden (1860) die Karbolsäure unter dem Namen Spirol äußerlich und innerlich benutzt. Er beschreibt das Spirol als einen farblosen kristallisierten Körper, der bei 34oC schmilzt, bei 187o siedet und den man entweder aus dem Steinkohlenteeröl oder durch Destillation des Salizins mit Kreide herstellt.

So hatte die Karbolsäure in Deutschland und Frankreich sich bereits ein gewisses Feld erobert, als man auch in England mit der Anwendung des Eiterung und Fäulnis hemmenden Mittels begann. Auf diesen Zustand der Dinge stieß Lister, als er dazu überging, seine theoretischen Studien praktisch zu verwerten.


Es war im Jahre 1867, als Lister mit seinen ersten Erfahrungen über die neue Behandlungsmethode bei offenen Knochenbrüchen und Abszessen hervortrat; bald folgte ein Vortrag in der British Medical Association zu Dublin am 9. August desselben Jahres, in welchem er die Art seiner Behandlung aller frischen Wunden darlegte. Und von nun an setzte sich fast durch ein Menschenalter hindurch eine ununterbrochene Reihe von Äußerungen in Wort und Schrift fort, die dazu dienten, der neuen Behandlung den Boden zu bereiten und sie immer weiteren Kreisen zuzuführen.

Lister ging von dem Gesichtspunkte aus, daß alle Wundstörungen ausschließlich als Bakterienwirkungen zu betrachten seien; demgemäß habe die Wundbehandlung nur die Aufgabe, das Eindringen der Schmarotzer in die Wunde zu verhüten oder, falls sie bereits während der Verletzung eingedrungen seien, ihre Unschädlichkeit herbeizuführen. Diesem Gedankengange entsprechend entwarf er seinen Behandlungsplan, den er bei wachsender Erfahrung fortgesetzt zu bessern und zu vervollkommnen sich bemühte.

Die [Behandlung offener Knochenbrüche] setzte sich zum Ziele, einen aseptischen Schorf auf der Wunde zu erzeugen, der sie vor weiterer Verunreinigung schützen und dadurch eine gleiche Gunst der Verhältnisse herstellen sollte, wie sie die geschlossenen Brüche genießen. Die Wunde wurde mit einem in flüssige Karbolsäure getauchten Lintlappen betupft, später sogar in ihrer Tiefe ausgewischt, zum Schluß mit einem neuen, die Wundränder nur wenig überragenden, in Karbolsäure getauchten Lintstücke bedeckt und dieser so lange angedrückt gehalten, bis er festhaftete. Das Läppchen bildete mit Blut und Serum einen die Wunde verschließenden Schorf, der nun die Möglichkeit einer Heilung wie bei geschlossenen Knochenbrüchen darbot, wenn das verletzte Glied zugleich entsprechend geschient worden war; aber in der Weise, daß die Wunde immer leicht zugängig blieb. Denn wenn auch Lister von vornherein dem Grundsatze huldigte, daß die Wunde nach Möglichkeit in Ruhe gelassen werden müsse, so trat dieser Gesichtspunkt doch zurück gegenüber der drohenden Gefahr einer Bakterieneinwanderung, wenn bei schneller Verdunstung der Karbolsäure und Eintrocknen des Schorfes sich in letzterem Risse bildeten, oder wenn der Lintrand sich lockerte. Um dem entgegenzutreten, wurde der Schorf entweder täglich von neuem antiseptisch angefeuchtet, oder Umschläge mit verdünnter Karbolsäure gemacht, auch wohl, um die Verdunstung zu verlangsamen, das ursprüngliche Lintstück mit angefeuchtetem Wachstaft (Protective silk), oder Ölpapier, oder endlich mit einem dünnen, biegsamen Stücke Zinnblech oder Stanniol überdeckt. Diese Behandlung wurde fortgesetzt, selbst wenn etwas Eiterung sich einstellte, meistens mit dem Erfolge, daß die Absonderung bald aufhörte und die weitere Heilung ungestört verlief.