Die Eiterbildung war häufig nur die Folge der Reizung, welche die starke Karbolsäurelösung (20–40 %) auf der Haut hervorrief. Auch zeigte sich bald, daß die bisherige Behandlung nur für kleinere Wunden brauchbar war, für größere aber ihre Bedenken hatte, weil die weit überdeckte Haut unter der ätzenden Wirkung des Heilmittels zu leicht abstarb. Um das zu vermeiden, stellte Lister eine dem Glaserkitt gleichende Paste aus Schlämmkreide und gekochtem Leinöl her, der im Verhältnis von 1:4 Karbolsäure zugesetzt wurde; sie war übrigens von ihm schon früher bei Abszeßeröffnungen benutzt worden. Diese Paste wurde, auf Zinnblech oder Stanniol gestrichen, auf die Wunde gelegt und durch Heftpflaster festgehalten; die Kappe sollte so geformt sein, daß der Abfluß der Wundfeuchtigkeiten möglich blieb. Sehr bezeichnend ist aber des Meisters Furcht vor einer Ansteckung der Wunde durch Luftkeime, die in seinen Anschauungen stets eine erhebliche Rolle gespielt hat. Unter die Zinn- oder Stanniolkappe, deren Unterseite mit dem Gemisch von Glaserkitt und Karbolsäure bestrichen ist, legt er nämlich noch ein mit Karbolsäure getränktes Lintstück unmittelbar auf die Wunde; aber nicht, wie man denken sollte, um ein seitliches Einwandern von Keimen zu hindern, sondern seine Sorge richtet sich vor allen Dingen darauf, daß beim täglichen Abheben der Deckplatte jenes Lintstück nicht abgerissen oder auch nur gelüftet werde, weil ein auch nur vorübergehend freier Zutritt der Luft den verderblichen Luftkeimen den Eingang zur Wunde eröffnen könne. Diese Sorge ist auch für die weitere Entwicklung seiner Behandlungsmethode maßgebend gewesen. Im übrigen unterscheidet er bereits in dieser frühen Periode die durch Bakterienwirkung erzeugte von der durch chemische Mittel hervorgerufenen Eiterung.

Die zweite Gruppe von Erkrankungen, auf welche die neue Behandlung Anwendung fand, waren die [Abszesse]. Die darüber von Lister angestellten Betrachtungen sind weniger grundlegend geworden, als die Behandlung offener Knochenbrüche und anderer Wunden; denn da der Tuberkelbazillus damals noch nicht entdeckt und die infektiöse Grundlage der kalten Abszesse demnach noch unbekannt war, so findet nirgends eine Scheidung zwischen heißen und kalten Abszessen statt. Die Besprechung seiner Behandlung bezieht sich aber fast ausschließlich auf letztere, was aus seiner Bemerkung entnommen werden kann, daß im ungeöffneten Abszesse der allgemeinen Regel nach keine septischen Lebensformen vorhanden seien. Die großen Hoffnungen, welche er an die Anwendung seiner Methode auch bei dieser Erkrankung knüpfte, haben sich freilich bei ausgedehnterer Erfahrung nicht in dem ursprünglichen Sinne aufrecht erhalten lassen, da zwar die Eiterabsonderung mehr oder weniger aufhörte, aber an ihre Stelle eine Fistel mit wäßriger Absonderung ohne Heilungsneigung zu treten pflegte. Immerhin hat die Methode erst die Möglichkeit eröffnet, den Verlauf einer tuberkulösen Eiterung, frei von jeder Gefahr einer Ansteckung durch Bakterien anderer Art und Wirkung, zu studieren und die Lebensäußerungen dieser gefährlichen Schmarotzer in breiterem Rahmen festzustellen.

Die Eröffnung der Abszesse geschah nach den gleichen Grundsätzen der Antisepsis, die oben schon dargelegt wurden. Ein Stück Zeug, in eine Lösung von 1 Karbolsäure zu 4 gekochten Leinöls getaucht, wird über den Hautbezirk gedeckt, in welchem die Eiteransammlung eröffnet werden soll, das obere Ende von einem Gehilfen festgehalten, das untere ein wenig gelüftet, hier das zuvor in die Lösung getauchte Messer eingeführt, durch die Haut gestoßen und sofort zurückgezogen, während die antiseptische Decke sogleich wieder angedrückt wird. Der Eiter wird durch die Finger unter dem Decklappen herausgepreßt und kann sich durch die Schnittöffnung hindurch frei entleeren. Nur bei stärkerer Blutung oder sehr dicker Abszeßwand soll man ein Stück getränkten Lints in die Öffnung legen. Über diesen tiefsten Schutzverband kommt dann die oben beschriebene Kappe des mit antiseptischer Paste bestrichenen Zinnblechs oder eines Stückes Stanniol.

Wir sehen also, daß der ursprüngliche antiseptische Verband so eingerichtet ist, daß die obere Schicht täglich abgenommen und durch Aufträufeln von Karbolsäure auf die tieferen Schichten in seiner Wirksamkeit immer von neuem verstärkt werden kann. Die Wundfläche als solche bleibt dabei völlig unberührt, die Wunde heilt unter einem antiseptischen Schorfe.

Ein weiterer, besonders bedeutungsvoller Schritt wurde durch Abänderung und Vervollkommnung der [Unterbindungsfäden] getan. Die bisher benutzten seidenen Fäden, die in ihrem lockeren Gewebe stets eine Menge von Keimen enthielten, riefen demgemäß gewöhnlich Eiterung der Umgebung hervor, die durch ihren Einfluß auf die Unterbindungsstelle des Gefäßes und seines aus einem oder — bei Kontinuitätsunterbindungen — aus zwei Blutpfröpfen bestehenden Inhaltes bei Arterien zu gefährlichen und oft wiederholten Nachblutungen, bei größeren Venen zu pyämischen Erscheinungen infolge der Fortschwemmung keimbeladener Thrombenbröckel zu führen vermochte. Lister sprach sich zuerst im Jahre 1867 bei noch geringer Erfahrung über die Möglichkeit aus, antiseptisch gemachte Unterbindungsfäden kurz abzuschneiden und sie in der Wunde zu versenken, wo sie durch Aufsaugung oder sonstwie verschwinden möchten. Versuche an der umfangreichen äußeren Halsschlagader des Pferdes, die mit gewöhnlichen, aber zuvor mit Karbolsäure durchtränkten Seidenfäden unterbunden worden war, bestätigten seine Vorstellungen; und seitdem wurden alle seidenen Unterbindungsfäden abgeschnitten und versenkt. Zugleich machte er dabei die Erfahrung daß die durch Zusammenschnürung des Fadens absterbenden Gewebsteile keinerlei Schaden anrichten, vorausgesetzt, daß sie keimfrei bleiben. Immerhin war die durch dies Verfahren erzielte Sicherheit noch keineswegs vollkommen und wir finden daher den fleißigen Forscher jahrelang mit der Verbesserung des Unterbindungsmaterials beschäftigt. In der Darmsaite (Catgut), nachdem sie eine vorgeschriebene Zeit in Karbolöl gelegen hatte, glaubte er im Jahre 1870 einen allen Anforderungen genügenden Stoff gefunden zu haben, zumal auch in der Richtung, daß die kurz abgeschnittenen Fäden in der geschlossenen Wunde der Aufsaugung verfielen und deshalb außerstande wären, später Störungen hervorzurufen. In der Tat hat die Karboldarmsaite lange Jahre als ein notwendiger Bestandteil des antiseptischen Verbandes gegolten, bis auch hier die immer schärfer einsetzende Kritik auf Grund der wachsenden Fortschritte in der Bakterienlehre das Karbolcatgut zu Fall brachte, die Karbolsäure durch andere Stoffe ersetzte und das Verfahren vielfach änderte; bis man in dem ewigen Kreislaufe der Dinge endlich zum seidenen Unterbindungsfaden fast allgemein zurückgekehrt ist. Wir werden darauf weiter unten zurückzukommen haben.

Inzwischen nehmen wir den Faden der weiteren Entwicklung des eigentlichen antiseptischen Verbandes wieder auf, dessen verschiedene Abänderungen wir nur kurz zu berühren brauchen, da sie eine dauernde Bedeutung nicht gewonnen haben. Die beiden Ziele, welche Lister verfolgte, waren einerseits die Verhinderung einer fortgesetzten Berührung der Karbolsäure mit der Wunde, durch welche erfahrungsgemäß eine übermäßige Heizung und Absonderung hervorgerufen wurde, anderseits der sichere Abschluß der Wunde gegen Luftkeime. Dazu kam allmählich das Bestreben, den täglichen Wechsel der oberen Verbandschichten behufs ihrer neuen Durchtränkung mit Karbolsäure zu vermeiden, also einen [Dauerverband] herzustellen, unter dem wenigstens mehrere Tage lang die Wunde vor einer Infektion gesichert sein konnte. Das erstgenannte Ziel suchte er nun zeitweilig auch auf dem Wege zu erreichen, daß er die Karbolsäure durch ein anderes Mittel, das Chlorzink, zu ersetzen anstrebte; allein so wertvoll sich dieses bei Wunden erwies, die nicht sicher aseptisch zu halten waren, wie solche der Zunge und des Oberkiefers, so blieben doch für alle anderen die Eigenschaften der Karbolsäure unerreicht Die Schlämmkreide als Trägerin des antiseptischen Mittels ersetzte er eine Zeitlang durch Bleipflaster, dem die Karbolsäure und etwas Wachs beigemischt waren. Darüber legte er ein mit wäßriger Karbolsäurelösung getränktes Stück Kaliko, welches wiederum von einem breiten Bleipflasterstreifen festgehalten wurde. Allein als sich zeigte, daß durch die wäßrige Lösung die Pflastermasse erweicht und allmählich die Sicherheit der Wunde gefährdet wurde, vertauschte er das Bleipflaster mit einem Schellackpflaster, welches später noch von einer schwachen Lösung von Guttapercha in Schwefelalkohol überpinselt wurde, um das unangenehme Ankleben des Schellacks an die Haut zu vermeiden. Ein solcher Verband wurde dann bei einer frischen Wunde (offener Knochenbruch) in folgender Schichtenfolge angelegt: Einspritzung einer reichlichen Menge wäßriger 20 %iger Karbolsäurelösung in die Wunde, Verbreitung derselben durch Druck und Wiederentfernung eines Teils durch Streichen und Drücken; Auflegen eines antiseptisch befeuchteten Stückes Zinnblech dessen Bedeckung mit einem weit überragenden Stücke Schellackpflaster darüber ein zusammengefaltetes Verbandstück, von öliger Karbolsäurelösung 1:4 durchtränkt, endlich Pappschienen, die den Knochenbruch sicherten. Die geölte Überlage wurde alle 24 Stunden erneuert, blieb aber vom 3. Tage an liegen und wurde nur noch mit Karbolöl überstrichen.

Hatte sich das geschilderte Verfahren auch auf das beste für einfachere Verwundungen bewährt, so nötigte doch die Vielgestaltigkeit der Verletzungen zu immer neuen Maßnahmen. Insbesondere waren es die durch Operation erzeugten Wunden, die zu besonderen Vorsichtsmaßregeln zwangen, um von dem Kranken jede schädliche Einwirkung fernzuhalten. So entstanden neue Vervollkommnungen, die der Unermüdliche in seinem Vortrage gelegentlich der 39. Jahressitzung der British Medical Association zu Plymouth im August 1871 besprach. Als die unverrückbare Grundlage seiner Methode sieht er nach wie vor Pasteurs Versuche an, die er selbsttätig fortsetzte und ergänzte. So erweiterte er den auf [S. 20] geschilderten Versuch Pasteur-Chevreuils in folgender Weise: An vier, zum Teil mit frischem Harn gefüllten Flaschen zog er bei dreien den Hals lang aus mit mehrmaligen winkligen Knickungen, während er den der vierten Flasche noch enger machte, aber kurz und senkrecht stehen ließ. Dann wurde der Inhalt aller vier Gefäße 5 Minuten lang gekocht und unverschlossen weggestellt. In dem Behälter mit geradem Halse entwickelten sich schon nach wenigen Tagen ein Pilzrasen und Zersetzung, während der Urin der drei anderen Flaschen noch nach 4 Jahren unverändert war. Mit Recht deutet Lister den Versuch dahin, daß die in alle vier Gefäße gleichmäßig ein- und ausströmende Luft ihre Keime an den Winkeln absetze, während diese durch den zwar engen, aber geraden Hals ohne Hindernis zur Flüssigkeit gelangen. Auch physikalisch konnte diese Annahme bestätigt werden, indem sich zeigte, daß die in den Flaschen enthaltene Luft optisch leer, d. h. ohne alle Staubteilchen war.

Auf dieser Grundlage baute er an der Vervollkommnung seiner Behandlungsmethode unentwegt weiter. Bei seinen Versuchen hatte er die Entdeckung gemacht, daß die durch Watte hindurchströmende Luft ihres Gehaltes an Staub und Keimen entkleidet wurde; demgemäß spielte auch die „antiseptische Watte“ in seinen späteren Verbänden eine hervorragende Rolle. Im übrigen gibt er über den dermaligen Stand seiner Maßnahmen einen Bericht, dem noch die weiteren Verbesserungen bis zum Jahre 1874 eingefügt werden sollen.

Als neu ist der [Zerstäuber] (Spray) eingeführt, ein mit verdünnter Karbolsäure gefülltes Glas, dessen Inhalt durch ein Gebläse mit doppeltem Gummiballon in Form eines Dunstkegels ausgeworfen wurde und den Zweck hatte, die während einer Operation anzulegende Wunde vor dem Eindringen von Luftkeimen zu schützen. Zuvor wurde die Oberhaut antiseptisch befeuchtet und die zum Gebrauche bestimmten Geräte, sowie alle Schwämme zum Reinigen der Wunden in eine Karbolsäurelösung getaucht, deren Stärke eine Zeitlang bis auf 1:100 heruntergegangen war, späterhin aber wieder auf 1:40 = 2½ % oder selbst auf 5:100 erhöht wurde. Wunden, die erst längere Zeit nach der Verletzung zur Behandlung kamen, wurden mit einer noch stärkeren Lösung, nämlich 1:5 Weingeist, gewaschen.

Schon seit 1870 stellte sich das Bedürfnis heraus, bei genähten und unregelmäßigen Wunden für den Abfluß der Wundabsonderungen zu sorgen. Das geschah zunächst durch Einführung eines in Karbolöl getauchten Lintstreifens, der später durch Gummiröhrchen, endlich durch aufsaugbare Drains ersetzt wurde.