Kapitel VI.
Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in Deutschland.

Schon die erste Arbeit Listers: „Über ein neues Verfahren, offene Knochenbrüche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtungen über Eiterung“, vom Jahre 1867 war in Deutschland nicht unbeachtet geblieben; allein der einzige Gewinn, den man daraus zog, beruhte in der Annahme, daß die Karbolsäure in öliger, später auch in wäßriger Lösung ein vortreffliches Verbandmittel sei. Nur wenige deutsche Chirurgen wagten sich einen Schritt weiter, indem sie an die Stelle der Charpie Listers Karbolpflaster zur Bedeckung der kleinen Wunden bei Durchstechungsfrakturen setzten. Im Deutsch-Französischen Kriege von 1870/71 spielten die Karbollösungen in Öl oder Wasser eine große Rolle; da man sie aber nur zur Anfeuchtung von Charpie überaus zweifelhafter Herkunft benutzte, so rochen zwar die Dauerlazarette innen und außen stark nach dem Verbandmittel, aber für die Heilung und das Wohlergehen der Kranken war damit nichts gewonnen. Die Wundkrankheiten forderten demnach in den überfüllten Kriegslazaretten ebenso regelmäßig ihre Opfer, wie dies in alten, verseuchten Krankenhäusern des Friedens bisher der Fall gewesen war. Auf das eigentliche Wesen der antiseptischen Wundbehandlung war bisher niemand eingegangen.

Ein Umschwung trat erst ein, als der Stabsarzt [A. W. Schultze], ein Schüler der Bardelebenschen Klinik in der Berliner Charité, in der Sitzung der Militärärztlichen Gesellschaft vom April 1872 einen Vortrag über Listers antiseptische Wundbehandlung hielt, als Frucht einer Studienreise, die er im Oktober 1871 durch Deutschland, Belgien, Holland und England bis Edinburgh unternommen hatte. Dieser Vortrag erschien im Februar 1873 in Volkmanns Sammlung klinischer Vorträge. In klarer und umfassender Weise ging Schultze auf die Idee ein, welche dem ganzen Verfahren zugrunde lag und schilderte letzteres in allen Einzelheiten so genau, daß fortan die Verbreitung einer gründlichen Kenntnis bei allen deutschen Chirurgen mindestens angebahnt wurde. Der schnelle Aufschwung indessen, welchen die Listerschen Lehren von nun an in Deutschland erfuhren, würde gar nicht zu verstehen sein ohne die Berücksichtigung jenes großen, nunmehr zu besprechenden Ereignisses, durch welches die deutsche Chirurgie in den Stand gesetzt wurde, binnen wenigen Jahren die führende Stelle in den Wettbestrebungen zur Verbesserung des Loses verwundeter und erkrankter Menschen zu übernehmen.

Auf eine von Gustav Simon schon im Herbste des Jahres 1871 erfolgte Anregung erließen nämlich im März 1872 Bernhard v. Langenbeck (Berlin), Gustav Simon (Heidelberg) und Richard Volkmann (Halle) ein Rundschreiben, welches die Aufforderung zur [Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Chirurgie] und zur Abhaltung eines Kongresses in Berlin in den Tagen vom 10. bis 14. April enthielt. Man hatte sich zuvor der Zustimmung einer größeren Anzahl deutscher Chirurgen versichert, zunächst aber noch keine Satzungen entworfen, vielmehr nur in allgemeinen Umrissen die Ziele bezeichnet, denen man zustrebte. Die Ausarbeitung der Satzungen blieb einem Ausschusse vorbehalten, der in der ersten Sitzung des Kongresses gewählt werden sollte. Der Kongreß wurde am 10. April 1872 im Hôtel de Rome zu Berlin unter dem Vorsitze v. Langenbecks eröffnet, der bei der Wahl des Vorstandes Vorsitzender blieb. Eine glücklichere Wahl hätte nicht getroffen werden können, um das neue Unternehmen über die ersten Schwierigkeiten hinweg in geordnete Bahnen überzuführen. Der gleich vielen großen Deutschen einem evangelischen Pfarrhause entsprossene, im hannöverschen Horneburg geborene Wundarzt stand damals mit seinen 61 Jahren auf der Höhe seines Ruhmes. Aber es waren nicht allein seine Stellung als Leiter der angesehensten Universitätsklinik Deutschlands, nicht nur seine hohe wissenschaftliche Bedeutung, welche die Wahl auf ihn lenkten, sondern mindestens in gleichem Maße die Eigenschaften seines Körpers und Charakters. Der kaum mittelgroße zierliche Mann mit vollem, grauem, leicht gewelltem Haupthaar hatte in Haltung, Bewegung und Rede etwas so ungesucht Vornehmes, daß er auch unter vielen sofort die bewundernden Blicke auf sich zog. Dazu kam sein stets verbindliches und maßvolles Wesen, welches auch kleinen Geistern gegenüber niemals sein Übergewicht hervorkehrte. Mit Recht nennt ihn der im Zentralblatte für Chirurgie nach seinem Tode erschienene Nachruf den ersten und edelsten Chirurgen seiner Zeit. Ein Mann mit solchen Eigenschaften war der geborene Vorsitzende der von ihm gegründeten Gesellschaft und seine alljährliche Wiederwahl erschien trotz seinem Widerstreben als eine Selbstverständlichkeit, auch als er im Jahre 1881 auf sein Amt als Leiter der Klinik verzichtete und seinen Wohnsitz nach Wiesbaden verlegte. Erst mit dem Kongreß von 1885 trat er endgültig zurück, nachdem die Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hatte. Im folgenden Jahre war die Leitung zum erstenmal in anderen Händen, da R. v. Volkmann zum ersten Vorsitzenden gewählt worden war; aber keiner der Nachfolger Langenbecks auf dem Stuhle des Vorsitzenden hat es zu ähnlicher stillschweigender Anerkennung seines Wesens gebracht, wie sie jenem entgegengetragen wurde.

Schon die dritte Sitzung des ersten Kongresses wurde nicht mehr im Römischen Hofe, sondern in der chirurgischen Universitätsklinik abgehalten; von da an bis zum Jahre 1891 stand der Gesellschaft die alte Aula im Universitätsgebäude zur Verfügung. Die Übersiedlung in ein eigenes Heim soll später erzählt werden.

Die Gesellschaft zählte im Eröffnungsjahre 130 Mitglieder, von denen 81 sich am Kongresse beteiligten. Dem Ausschusse gehörten außer dem Vorsitzenden an: Viktor v. Bruns als stellvertretender Vorsitzender, Volkmann und Gurlt als Schriftführer, Trendelenburg als Kassenführer. Die Vermehrung der Mitglieder erfolgte in den ersten 10 Jahren des Bestehens in einem keineswegs überstürzten Zeitmaße; vielmehr war auf dem X. Kongreß von 1881 erst die Zahl 287 erreicht. Seitdem aber begann ein so schnelles Ansteigen, daß im Jahre 1900 das erste, 10 Jahre später bereits das zweite Tausend überstiegen war. Von den Schwierigkeiten, welche dadurch für die Unterbringung der Teilnehmer an den Kongressen, für die Geschäftsführung und die Verständigung der Mitglieder untereinander erwuchsen, soll später gesprochen werden; doch wird man ohne Übertreibung sagen können, daß die ersten 15 Jahre die glücklichsten der Gesellschaft gewesen sind, da die kleine Zahl allen Mitgliedern Gelegenheit zu persönlicher und freundschaftlicher Annäherung bot, durch welche manche Schärfe in den Verhandlungen vermieden wurde. Und doch gab gerade jene Periode, in der um die Einführung der Antisepsis zuweilen erbitterte Kämpfe ausgefochten wurden, Gelegenheit genug zu Reibungen aller Art. Niemals wieder hat späterhin eine gleich bewegte, fast begeisterte Teilnahme an den Verhandlungen stattgefunden, wie damals, als ein großes Ziel des Strebens erst in den Umrissen gezeigt, aber noch nicht erreicht war.


Wenden wir uns nun wiederum der Art und Weise zu, in welcher die neuen Lehren Boden suchten und fanden, so müssen wir vor allen Dingen eines Mannes gedenken, der mit fast jugendlicher Begeisterung — er war damals 42 Jahre alt — sie ergriff und in stetem, oft überaus lebhaft geführtem Kampfe, in welchem sein Geist, seine dichterische Begabung, sowie seine Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache ihm die schärfsten Waffen liehen, die widerstrebende Masse der Ärzte und Chirurgen allmählich zu überzeugen und fortzureißen wußte. [Richard Volkmann], dem mittelgroßen, zierlich gebauten, beweglichen Manne mit den stahlblauen Augen, dem rötlichen Haupthaare und dem das Kinn freilassenden roten Backenbarte, verdankt die deutsche Chirurgie die frühzeitige Erkenntnis des Wertes der neuen Behandlung, für die er seine ganze Persönlichkeit einlegte. Der Leipziger Professorensohn war in der Tat der rechte Mann zur Durchführung einer solchen Aufgabe, für welche ihm neben seiner überragenden Klugheit ein schneidender Sarkasmus, der selbst in unverhüllte Derbheit übergehen konnte, zu Gebote standen. So geschah es denn, daß er bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode nahezu unbestritten der Führer der deutschen Chirurgen auf dem Gebiete der Wundbehandlung gewesen ist, die alle, einige sehr früh, die meisten erst spät, seinen Spuren gefolgt sind.

Volkmann hatte in seiner Klinik zu Halle, die außerordentlich ungünstige hygienische Verhältnisse darbot, bisher die offene Wundbehandlung geübt, in Verbindung mit einer regelmäßigen Waschung der Wunden durch Lösungen von übermangansaurem Kali, Chlorkalk, später Karbolsäure. Bei der übergroßen Zahl schwerer Verletzungen, die in dem kleinen, überfüllten Krankenhause mit 50 Betten zuweilen bis zu 45 v. H. aller Aufnahmen betrugen, verschlechterten sich aber die Verhältnisse in einem Maße, forderten die Wundkrankheiten so hohe Opfer, daß er im Sommer 1871 nahe daran war, die vorübergehende Schließung der Anstalt zu beantragen. Nur aus dem Gesichtspunkte einer lästigen, aber unabweislichen Pflichterfüllung begann er Ende November 1872 die Prüfung der Listerschen Methode, in der bestimmten Überzeugung, daß es sich nur um einen wenige Wochen dauernden, vergeblichen Versuch handeln würde. Die Ergebnisse aber, welche er unter genauer Befolgung aller Vorschriften erzielte, waren so verblüffend, daß er nicht wieder davon abkam. Am 10. April 1874, den wir mit Madelung als einen denkwürdigen Tag in der Geschichte der deutschen Chirurgie ansehen müssen, hielt er auf dem III. Kongreß einen Vortrag: „Über den antiseptischen Okklusionsverband und seinen Einfluß auf den Heilungsprozeß der Wunden“, in welchem er seine seit 15 Monaten gesammelten Erfahrungen besprach. Der Vortrag ist in seinen im Jahre 1875 erschienenen Beiträgen zur Chirurgie ausführlich wiedergegeben. Eigentümlich berührt in ihm die große Vorsicht, mit der der Redner sich gegen den Gedanken einer unbedingten Annahme der wissenschaftlichen Grundlage der Antisepsis, nämlich der bakteriellen Entstehung von Eiterung und Wundkrankheiten, verwahren zu müssen glaubt. Es braucht keineswegs angenommen zu werden, daß auch in diesem klaren Kopfe die Idee der Urzeugung der Keime, welche bei englischen Ärzten damals noch eine erhebliche Rolle spielte, mitgewirkt habe; immerhin hielt er es für geboten, die einfache Tatsache einer stark veränderten, besseren Wundheilung hinzunehmen, ohne sich durch eine bisher noch umstrittene Theorie die Hände binden zu lassen. Dagegen sprach er es unumwunden aus, daß mit den neuesten Listerschen Abänderungen seines Verbandes noch nicht das letzte Wort gesprochen sein könne. Insbesondere hoffe er, daß die Benutzung der Karbolsäure, „eines fatalen und nicht einmal ungefährlichen Mittels“, möglichst bald wieder aus der Chirurgie verschwinden werde. Darin hat er sich nicht getäuscht.

Seit jenem Tage ist die Frage der allgemeinen Wundbehandlung mehr als 25 Jahre lang in den Tagesordnungen der Chirurgenkongresse zu finden gewesen; denn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie war das Manometer, welches die Hebungen und Senkungen der Anschauungen stets getreulich aufzeichnete.