Mit gleichem Eifer wie die Entwicklung der Verbandtechnik behandelte sie aber auch dessen wissenschaftliche Grundlage, so sehr ablehnend sich Volkmann zunächst auch dagegen verhielt. Wir sind daher genötigt, auf das Aufkommen und den Ausbau der [Bakterienkunde], soweit sie einen unmittelbaren Einfluß auf die Chirurgie ausgeübt hat, einen zusammenfassenden Rückblick zu werfen.
Auf [S. 19] ist bereits erzählt worden, wie Schwann als erster alle Zersetzungsvorgänge auf Luftkeime zurückführte und wie zahlreiche Nachfolger er für seine Anschauungen fand. Aber trotz allem Geist und Scharfsinn, mit denen diese Theorie vorgetragen, verfochten und durch äußerst sinnreiche Versuche bestätigt wurde, blieb sie für die Lehre von der Entstehung der Wundkrankheiten dennoch zunächst unfruchtbar. Der Grund dafür lag in der schon 1840 von Henle beklagten Unfähigkeit, die Erreger der Zersetzung, in denen er kleinste Pflanzen vermutete, auch dem bewaffneten Auge sichtbar zu machen. Zwar hatte Lister die Pilzrasen auf einem entsprechenden Nährboden zu züchten und die Art ihres Wachstumes zu beobachten gelernt; aber auch damit war man über den allgemeinen Begriff der „Keime“ nicht hinausgekommen.
An diesem toten Punkte erschien die Hilfe in Gestalt der seit dem Jahre 1855 durch J. v. Gerlach eingeführten Färbemethoden, durch welche es möglich wurde, einzelne Gewebe und Gewebsteile derart mit einem Farbstoffe zu tränken, daß sie im mikroskopischen Bilde mit Leichtigkeit von den Nachbargeweben unterschieden werden konnten. Allerdings dauerte es noch mehr als zwei Jahrzehnte, ehe man auch die pflanzlichen Schmarotzer zu färben und dem Auge sichtbar zu machen lernte; aber schon die in die gleiche Zeit fallende Verbesserung und Vervollkommnung der Mikroskope hatte die Forscher zu allerlei beachtenswerten Entdeckungen geführt. So hatte Rindfleisch schon im Jahre 1866 das Vorkommen von Bakterien in den Organen der an Wundinfektionskrankheiten Gestorbenen nachgewiesen, was durch Waldeyer und v. Recklinghausen 1871 bestätigt wurde. Im gleichen Jahre beschrieb Klebs das Microsporon septicum als den Erreger der Eiterung und Gewebsfäulnis, indem er unter jenem Namen die Stäbchen- und Kugelbakterien zusammenfaßte, wie es vor ihm schon Karl Hüter mit seinen „Monaden“ getan hatte. Dagegen stellte sich Billroth in seiner sehr umfangreichen und fleißigen, der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gewidmeten Arbeit „über die Vegetationsformen der Coccobacteria septica“ (1874) auf einen wesentlich verschiedenen Standpunkt. Auch er fand solche, zuweilen ungemein voneinander abweichende Vegetationsformen, die er einheitlich unter jenem Namen zusammenfaßte, zwar in allen gärenden und faulenden Flüssigkeiten und eiternden Geweben, sah sie aber nicht als die Ursache der Zersetzung an, sondern ließ diese aus der akuten Entzündung der Gewebe hervorgehen. Erst eine solche führe zur Bildung eines „phlogistischen Zymoids“, welches einen sehr günstigen Nährboden für die Entwicklung von Kokkobakterien darstelle. — Eine so geschraubte Deutung wird nur erklärlich, wenn man berücksichtigt, daß Billroths an sich vortreffliche Bakterienbilder doch sämtlich ohne Färbemittel gewonnen sind und daß, mit dem Fehlen der Unterscheidung bestimmter Arten, auch eine experimentelle Prüfung der Lebensvorgänge noch nicht hatte angebahnt werden können.
Wenn auch die übrigen Forscher sich mehr und mehr der von Rindfleisch, Klebs und Karl Hüter vertretenen Auffassung zuneigten, daß die in den Wundflüssigkeiten vorhandenen pflanzlichen Schmarotzer als Erreger der Wundkrankheiten anzusehen seien, so konnte man doch so lange nicht weiterkommen, als alle diese Lebewesen einheitlich betrachtet wurden; denn bis dahin war es weder möglich, die verschiedenen Formen systematisch zu ordnen, noch ihre Lebensäußerungen in nutzbringender Weise zu verfolgen. Für die Notwendigkeit einer Scheidung sprachen sich zwar einzelne Botaniker wie Pathologen aus; aber nachhaltig gelang dies erst durch die bahnbrechende Arbeit [Robert Kochs] über die Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten (1878). Koch, der als erster in umfangreicher Weise mit Färbemitteln und Tierversuchen arbeitete und der die in den verschiedenen Wundkrankheiten vorkommenden Bakterien einer genauen, durch Reinkulturen unterstützten Untersuchung unterwarf, kommt zu dem Schluß, daß die verschiedenen Formen der krankheitserzeugenden Keime als verschiedene, unabänderliche Arten anzusehen seien. Hiermit trat er dem größten Teile der Botaniker, die, wie vor allen anderen Nägeli in München, auf dem Standpunkt standen, daß keinerlei Nötigung vorliege, um auch nur zwei spezifische Arten voneinander zu unterscheiden, mit voller Schärfe entgegen. Neben den Studien über Septichämie, Pyämie, Erysipelas, Gewebsnekrose und fortschreitende Abszeßbildung bei Tieren gab Koch auch eine solche über den Milzbrand und dessen Erreger, die seitdem in allen ihren Teilen bestätigt worden ist.
Die Kochschen Untersuchungen und Methoden sind die Grundlagen der neueren Bakteriologie geworden und haben eine ganze Reihe der wichtigsten und weittragendsten Entdeckungen herbeigeführt. —
Wie bereits erwähnt, beschäftigte sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie von Anfang an auch mit der Bedeutung der Bakterien für die praktische Chirurgie. Schon auf dem ersten Kongreß wurde ein Schreiben Wilhelm Rosers (Marburg) verlesen, in welchem er sich über den „Pyämiepilz“, über das Sepsin und das Microsporon septicum ausspricht und für die Forschung und Fragestellung auf diesem Gebiete einige Winke gibt. Auf dem zweiten Kongreß von 1873 trat Ernst Bergmann (Dorpat), der später für die deutsche Chirurgie eine erhebliche Bedeutung gewinnen sollte, mit einem experimentellen Beitrage zu der Lehre von den septischen Entzündungen in die Reihe der Redner, in welchem er nachwies, daß bakterienhaltige Flüssigkeiten in tierische Gewebe eingespritzt, tödliche septische Lungenentzündungen hervorzurufen vermöchten. Wie alle solche Fragen verlief auch die Besprechung des Bergmannschen Vortrages nicht ohne starken Widerspruch. — Auf demselben Kongresse behandelte Martini (Hamburg) einen verwandten Gegenstand, die Mikrokokkenembolien innerer Organe und die durch sie hervorgerufenen Veränderungen der Gefäßwand. Auch auf den nächsten Kongressen setzte sich das Für und Wider der Anschauungen über die beiden Hauptfragen: Ob die Bakterien die Wundkrankheiten erzeugen, oder sie wenigstens unterstützen, sowie ob die in zersetzten Geweben gefundenen Pflänzchen als einheitliche Art aufzufassen seien oder nicht, unverändert fort. Die Stellung, welche infolge der bis zu den Kochschen Entdeckungen immer noch sehr unvollkommenen Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden ein großer Teil der Kongreßmitglieder im Gegensatz zu zahlreichen Rednern einnahm, kennzeichnete sehr gut eine Äußerung des geistvollen Humoristen der Gesellschaft Karl Thiersch aus Leipzig, der auf einem späteren Kongreß am Schlusse einer langen und erregten Debatte seine eigenen Bemerkungen mit den Worten schloß: „Mein Herz zieht mich zu den Bakterien, aber mein Verstand sagt: Warte noch!“
Die Kochschen Arbeiten, seine Reinkulturen der einzelnen Bakterienarten, die er nicht nur nach ihrer Form, sondern auch nach ihrem biologischen Verhalten unterscheiden lehrte, seine Färbemethoden für mikroskopische Untersuchungen, endlich seine Wiedergabe der gefärbten Pflänzchen in Lichtbildern führten überall einen mächtigen Anstoß zur Beschäftigung mit den neuen Erkenntnissen herbei und wirkten in hohem Maße klärend. Grundlegend für die weitere Entwicklung der Chirurgie wurden insbesondere die „Mitteilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1881, Bd. I.“, in denen die beiden Aufsätze R. Kochs: „Zur Untersuchung von pathogenen Organismen“ und: „Über Desinfektion“ von höchster Bedeutung waren, nicht weniger auch die seiner Mitarbeiter Georg Gaffky, Friedrich Löffler und vieler anderer. Mit einem Schlage waren alle Zweifel gelöst und nur ganz vereinzelt erhoben sich noch Stimmen gegen die Artverschiedenheiten der Bakterien, oder gegen ihre Auffassung als Krankheitserreger; und wenn auch die oft sehr verschlungenen und verdeckten Wege der Körpervergiftung im einzelnen nicht ohne weiteres klar zutage traten, so setzte doch nunmehr auf allen Gebieten eine so rüstige Forschungsarbeit ein, daß die Umrisse der die Chirurgie angehenden Bakterienkrankheiten in wenigen Jahren gezeichnet waren. Die Ausfüllung des Rahmens freilich machte noch manche mühevolle Untersuchung und eine durch die bisherigen Forschungen geschärfte Beobachtung am Krankenbette notwendig.
Diese Bemerkungen treffen auch auf die überaus wertvollen Arbeiten zu, welche im Jahre 1884 im II. Bande der „Mitteilungen“ veröffentlicht worden sind. Er enthält an erster Stelle Kochs berühmte Arbeit: „Die Ätiologie der Tuberkulose“, in welcher der staunenden Welt die Entdeckung des Tuberkelbazillus, über welche schon zwei Aufsätze vom Jahre 1882 berichtet hatten, in erweiterter Form und in meisterhafter Darstellung vor Augen geführt wurde. Die ganz vereinzelten Einsprüche gegen diese Großtat Kochs sind sehr schnell verstummt; und so bilden denn diese seine Arbeiten den Ausgang aller jener Bestrebungen, durch welche die schlimmste Geißel des menschlichen Geschlechtes bekämpft, in ihren Wirkungen eingeengt und der Heilungsmöglichkeit entgegengeführt worden ist. — Daneben enthält jener Band auch Löfflers ausgezeichnete Arbeit über den Diphtheriebazillus.
Der brennende Eifer, mit welchem die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie jede Bereicherung ihrer Kenntnisse aufnahmen, zeigte sich nicht am wenigsten in der Verfolgung der [bakteriologischen] Forschungen; denn daß die ganze Listersche Wundbehandlung mit ihrer bakteriologischen Grundlage stand und fiel, war im Beginne des neunten Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts auch dem blödesten Auge klar geworden.