Vor allen Dingen suchte man die von Koch im wesentlichen an Tieren studierten Infektionskrankheiten auch am Menschen in ihrer bakteriellen Bedeutung zu erfassen. Freilich waren es meistens nur Nachprüfungen, welche der bei weitem größte Teil der Mitglieder sich erlauben durfte, selbst wenn die volle Beherrschung der bakteriellen Technik zuvor erworben worden war. Denn der in der praktischen Tätigkeit stehende und von ihr in vollstem Maße in Anspruch genommene Wundarzt, dem täglich und stündlich am Krankenbette neue Fragen auftauchten, mit denen er sich doch praktisch abzufinden hatte, behielt nur selten die Muße, um sich mit sehr zeitraubenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Keimlehre abzugeben. Mehr und mehr wurde es daher Sitte, daß chirurgische Kliniken und große Krankenhausabteilungen wenigstens einen pathologisch-anatomisch und bakteriologisch völlig geschulten Gehilfen anstellten, dem die Sonderarbeiten auf diesen Gebieten übertragen werden konnten. Auch waren die Vertreter der bald auf allen deutschen Universitäten begründeten Professuren für Hygiene und Bakterienforschung meistens gern bereit, den chirurgischen Abteilungen die Arbeit entweder ganz abzunehmen, oder doch zu erleichtern. Um so beachtenswerter ist es, daß auch aus chirurgischen Arbeitsstuben manche wichtige und fördernde Entdeckungen hervorgegangen sind. Vor allen anderen sind zwei jüngere Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zu nennen, deren Studien berechtigtes Aufsehen erregten.
Der junge Schwabe [Fehleisen], damals Assistent an Ernst v. Bergmanns Universitätsklinik in Berlin, veröffentlichte im Jahre 1883 eine Einzelschrift unter dem Titel: „Die Ätiologie des Erysipels“, in welcher er den Nachweis erbrachte, daß die Wundrose durch eine in die Saftkanälchen und Lymphbahnen der Umgebung der Wunde gelangende Streptokokkenart erzeugt werde, die er Streptococcus erysipelatis benannte und als spezifisch ansah. In letzterer Beziehung hat er sich allerdings geirrt, da später durch andere Forscher nachgewiesen wurde, daß Fehleisens Kettenkokkus nichts anderes als der überall verbreitete und zahlreiche Krankheiten eitriger Art erzeugende Streptococcus pyogenes sei; dennoch bleibt Fehleisens Verdienst ungeschmälert, daß er jene Wundkrankheit auf eine ganz bestimmte Bakterienart zurückführte und deren Verbreitungswege erkannte und schilderte. Um so bedauerlicher ist es, daß der Entdecker wenige Jahre später verstimmt und unbefriedigt seinem Vaterlande den Rücken kehrte.
Ein Jahr später erschien eine noch bedeutungsvollere Arbeit von Friedrich Julius Rosenbach in Göttingen, damals Assistenzarzt der Königschen Klinik, in der er die Poliklinik leitete. Die unter dem Titel: „Mikroorganismen bei den Wundinfektionskrankheiten des Menschen“ erschienene Schrift teilt zunächst sehr sorgfältige Untersuchungen über die verschiedenen Schmarotzerformen mit, welche in fast allen eitrigen Erkrankungen des Menschen (mit Ausnahme der später zu erwähnenden kalten Abszesse) vorkommen. Er bespricht fernerhin die Entstehung der akuten Knochenmarkentzündung, die in den meisten Fällen durch den Staphylococcus pyogenes aureus, seltener durch den albus hervorgerufen werde, und macht darauf aufmerksam, daß diese beiden Schmarotzer durch das Vergrößerungsglas allein nicht zu unterscheiden seien, wohl aber im Impfstrich auf Gelatine schon durch die verschiedene Färbung leicht erkannt werden können; zeigt aber auch, daß noch andere Mikrobien, wie die Streptokokken, die Krankheit hervorzurufen vermögen. Demnach ist die Osteomyelitis, wie die ihr nahestehende Pyämie, keine einheitliche d. h. keine durch einen spezifischen Pilz erzeugte Entzündung. Mit gleicher Sorgfalt werden die Fäulnisvorgänge in den Geweben oder die septischen Erkrankungen geschildert, sowie dem von anderen Untersuchern bestätigten Gedanken Raum gegeben, daß nicht die bloße Vermehrung der Bakterien, sondern die von ihnen erzeugten Gifte (Ptomaine) die gefährlichen Zufälle veranlassen, und zum Schluß eine neue, ungefährliche Krankheit, das Fingererysipeloid, mit ihrem spezifischen Erreger geschildert; alles das unter sorgfältiger Benutzung und Besprechung früherer wertvoller Arbeiten, unter denen die des Engländers Ogston und Pasteurs hervorgehoben werden, die bereits mit menschlichem Eiter gearbeitet hatten. Auch ist Rosenbach der erste, der Fehleisens Streptococcus erysipelatis als einen spezifischen Krankheitserreger abweist.
Ein gewaltiger Schritt vorwärts war mit diesen beiden Arbeiten für die praktische Chirurgie getan worden. Wenn auch Rosenbachs Tierversuche, sowie die mancher anderer Chirurgen zeigten, daß auch durch Einspritzung giftiger Reizmittel ohne Bakteriengehalt, wie des Krotonöles, eine Eiterung im Gewebe zu erzeugen möglich sei, so blieb diese Tatsache doch praktisch ohne alle Bedeutung. Vielmehr stand es nunmehr unumstößlich fest, daß der klinische Betrieb nur mit der Bakterienwirkung als Ursache der Eiterung und der verschiedenen Wundkrankheiten zu rechnen habe. Nur für den Wundstarrkrampf stand der naturwissenschaftliche Nachweis noch aus. Er sollte aber nicht zu lange auf sich warten lassen; denn noch gegen Ende des Jahres 1884 trat der erst 22jährige [Nicolaier], Student der Medizin in Göttingen, mit einer im hygienischen Institut der Universität angefertigten Arbeit hervor, in welcher als Erreger des Wundstarrkrampfes ein in der Erde lebendes stecknadelförmiges Bakterium beschrieben wurde. So war auch diese Lücke in der Erkenntnis der Entstehungsweise der Wundkrankheiten glücklich geschlossen worden.
Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Keimlehre kehren wir zu dem weiteren [Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung] zurück. Volkmann war nicht der einzige Chirurg geblieben, der unter dem Einflusse der Schultzeschen Arbeit sich der neuen Behandlungsmethode zugewandt hatte. Dahin gehörte vor allen Dingen Adolf Bardeleben von der Berliner Charité, dessen Assistent der Stabsarzt Schultze damals noch war und der deshalb auf des letzteren Veranlassung die Listersche Wundbehandlung auf seiner Abteilung ziemlich streng durchführte, nachdem er schon einige Zeit zuvor tastende Versuche mit der Karbolpaste gemacht hatte. Auf dem gleichen Kongreß von 1874 konnte daher Bardeleben, im Anschluß an Volkmanns grundlegenden Vortrag, über ziemlich ausgedehnte Erfahrungen mit dem Listerschen Verbande berichten, ebenso Schönborn (Königsberg), Hüter (Greifswald) und Thiersch (Leipzig). Aber abgesehen von diesen Klinikern hatte das antiseptische Verfahren auch schon manche Krankenhausleiter zu Versuchen angespornt; so gehörte der kleine, überaus tätige Hagedorn (Magdeburg) schon frühzeitig zu seinen eifrigsten Vertretern. Es waren nicht nur die immer häufiger in der chirurgischen Literatur auftauchenden Besprechungen des neuen Verfahrens, welche werbend wirkten, sondern es kam noch ein anderer Umstand hinzu. Einzelne Kliniker und manche Krankenhausleiter folgten dem Beispiele Schultzes, indem sie sich in Edinburgh selber an der Quelle zu unterrichten suchten, oder wenigstens ihre Assistenten schickten. Als erster deutscher Kliniker trat Johann Nepomuk v. Nußbaum in München bald nach Schultzes und Volkmanns Veröffentlichungen die Reise an, von der er als ein begeisterter Anhänger der Neuerung zurückkehrte. Ihm in erster Linie galt daher der Besuch, den Lister im Jahre 1875 Deutschland abstattete, um sich persönlich von dem Stande seiner Lehre in diesem Lande zu überzeugen. Nußbaum und seine Schüler bereiteten ihm in seiner Klinik, die früher in ganz entsetzlicher Weise unter Pyämie und Hospitalbrand gelitten hatte, eine erhebende Feier, von der der englische Meister beglückt und befriedigt in seine Heimat zurückkehrte. — Unter den jüngeren Chirurgen schrieb Lesser schon im Jahre 1873 über einen Besuch bei Lister; ferner konnten auf dem Kongreß von 1874 Schönborn und besonders der Deutschrusse Reyher eingehend über das Gesehene berichten, während Madelung, Privatdozent und Assistent der chirurgischen Klinik in Bonn, und J. Israel, Assistent am jüdischen Krankenhause in Berlin, zwar in dem gleichen Frühling Edinburgh besuchten, aber mit ihren Beobachtungen zunächst noch zurückhielten. Im Februar 1876 machte auch E. Küster eine Reise nach Edinburgh, deren Frucht die Einführung der antiseptischen Behandlung im Berliner Augusta-Hospital unter genauester Beobachtung der Listerschen Methoden war. Nach diesen Reisen begann ein Strom besserer Erkenntnis sich von der fernen Stadt des Nordens über einen großen Teil von Europa zu ergießen; zumal in Deutschland bildeten sich immer zahlreichere Mittelpunkte, von denen die neue Lehre in immer weitere Kreise getragen wurde.
Aber in den kritisch angelegten Köpfen einzelner deutscher Chirurgen regte sich auch, früher wie in anderen Ländern, die Neigung zu [Abänderungen] und Vereinfachungen des immerhin etwas umständlichen, schwerfälligen und kostspieligen Verbandes. Dazu hatte freilich Lister selber die Bahn eröffnet, teils durch seine zahlreichen Verbesserungen, teils durch seinen Ausspruch, er hege die Hoffnung, daß die Chemie einen der Karbolsäure in der Wirksamkeit ebenbürtigen, aber von deren unangenehmen Eigenschaften freien Stoff zu finden imstande sein werde. Dem gleichen Gedanken gab Volkmann, wie oben erwähnt, schon in seinem ersten Vortrage Ausdruck; und auf demselben Kongresse machte sein damaliger Assistent Max Schede die Mitteilung, daß in Halle alle nicht ganz frischen Verletzungen erst einer Ätzung mit 8 %iger Chlorzinklösung unterzogen würden, ehe der Okklusivverband zur Anwendung gelange. Alles das hielt sich noch in dem von Lister selber vorgetragenen Gedankenkreise; wirkliche Neuerungen aber brachten schon bei diesem ersten Waffengange auf dem Gebiete der Antisepsis Bardeleben mit seiner, freilich etwas zurückhaltenden Empfehlung nasser Karbolsäureverbände anstatt der trockenen Listerschen, und Thiersch durch den Vorschlag, die Karbolsäure durch die von dem Chemiker Kolbe in Leipzig dargestellte Salizylsäure zu ersetzen. In der Tat hat das letztgenannte Mittel, zumal nach Veröffentlichung einer größeren Arbeit von Thiersch (Klinische Ergebnisse der Listerschen Wundbehandlung und über den Ersatz der Karbolsäure durch Salizylsäure in Volkmanns Sammlung klinischer Vorträge 84 und 85) vom Jahre 1875, für eine Reihe von Jahren Aufnahme gefunden und zwar sowohl als trockener, wie als nasser Watteverband bzw. in der Form der Berieselung bei sonst offener Wundbehandlung. Auch der Verbandstoff fand durch ihn, hauptsächlich aus Rücksichten der Verbilligung, eine Abänderung, indem er auf den Rat v. Mosengeils die Jute, einen aus den Fasern einer ostindischen Tiliazee hergestellten Stoff, als Grundlage des antiseptischen Verbandes in seiner Klinik einführte. Nunmehr häuften sich die Neuerungen. H. Ranke, Assistent der Volkmannschen Klinik, berichtete 1878 über den Ersatz der Karbolsäure durch Thymol, so daß bereits eine erhebliche Vielfältigkeit für die Abänderung des eigentlichen Listerverbandes vorlag. Eine eingehende Besprechung fand die Frage der Behandlungsform auf dem Kongreß von 1878, im Anschluß an einen Vortrag E. Küsters: „Über die giftigen Eigenschaften der Karbolsäure“, dessen Endbetrachtungen darin gipfelten, daß dies Mittel zwar zunächst, als sicherstes der bisher angewandten antiseptischen Verbandmittel, noch nicht zu entbehren sei, daß es aber nur mit großer Vorsicht gebraucht werden dürfe, da es bei manchen Personen gefährliche und selbst tödliche Zufälle hervorzurufen imstande sei. In der Tat wurde bei der ausgiebigen Erörterung dieses Vortrages die Giftigkeit der Karbolsäure mehr oder weniger unumwunden fast von allen Rednern zugestanden.
Bald darauf, im Jahre 1880, erfolgte auch der erste kraftvolle Vorstoß gegen den Zerstäuber (Spray) durch Viktor v. Bruns (Tübingen) in einem Aufsatze unter dem Titel: „Fort mit dem Spray!“ Der Verfasser hatte bereits seit zwei Jahren, sowohl bei Operationen wie bei Verbandwechseln, auf den Sprühnebel verzichtet und sich auf nachträgliche kurze Bespülungen der Wunde mit Karbolsäure beschränkt. Die Ergebnisse waren vortrefflich. Freilich war der alte Doppelballon nach Richardson, der mit Hand oder Fuß in Bewegung gesetzt wurde, schon längst durch schmucke Dampfzerstäuber ersetzt worden; aber auch diese brachten recht große Unannehmlichkeiten für den Kranken sowohl wie für den handelnden Chirurgen und seine Gehilfen mit sich. Denn der Körper des Kranken, selbst wenn er sorgfältig mit reinen Leintüchern abgedeckt war, wurde doch bei längeren Eingriffen allmählich naß; und die ganze Umgebung des Operationstisches befand sich oft 1–2 Stunden lang in einem Sprühnebel, der alle freien Körperteile triefend machte und mit dem Atemstrome in die Luftwege eingesogen wurde. So waren Vergiftungen auf beiden Seiten möglich; und es hat nicht lange gedauert, bis die Ärzte selber die unangenehmen Wirkungen zu spüren bekamen, meist allerdings nur in Form dunklen Urins nach jedem langen Aufenthalte im Operationszimmer. Allein es sind in jenen Jahrzehnten und bald hinterher so viele Chirurgen an chronischen Nierenentzündungen zugrunde gegangen daß der Verdacht nicht ganz abgewiesen werden kann, sie seien als Opfer ihres Berufes und der neuen Behandlungsmethode gefallen. So hat auch dieser gewaltige Fortschritt zum Heile der Menschheit nur unter schweren Opfern erkämpft werden können.
Hiernach wird es begreiflich, daß nicht wenige Chirurgen sich von der lästigen Beigabe des Zerstäubers nach Bruns' Beispiel mit Freuden losmachten, zumal da die zerstäubte Karbolsäure in Haupt- und Barthaar der Ärzte so fest haftete, daß die Träger durch den Geruch schon auf weite Entfernungen gekennzeichnet waren. Andere freilich, und wohl noch auf Jahre hinaus die Mehrzahl, glaubten den Zerstäuber nicht entbehren zu können, wenn auch an die Stelle der giftigen und stark riechenden Flüssigkeit vielfach Salizyl- und Thymollösungen gesetzt wurden.
So war denn eine neue Bresche in den scheinbar so fest gefügten Wall der Listerschen Methode gelegt worden; aber da auch die letzten Veränderungen keineswegs allgemeine Befriedigung hervorriefen, so konnten weitere Versuche nicht ausbleiben. Insbesondere war es die mächtig emporblühende chemische Industrie, die immer neue Mittel mit antiseptischen Eigenschaften zu erfinden und den Chirurgen zur Prüfung anzubieten nicht müde wurde. Viele dieser neuen Mittel haben nur ein kurzes Dasein gehabt, so daß sich nicht einmal ihre Erwähnung lohnt; andere aber haben nicht nur jahrelang eine große Rolle gespielt, sondern sind auch heute noch nicht bis auf die letzte Spur aus unserem Behandlungsschatze ausgetilgt.