Als Bernhard v. Langenbeck am 28. September 1887 starb, richtete die Kaiserin ein Schreiben an den damaligen Kultusminister v. Goßler, welches den Vorschlag enthielt, statt eines Denkmales aus Erz oder Stein (wie es die Berliner Medizinische Gesellschaft plante) eine Stiftung von praktischer Bedeutung für die Entwicklung der Chirurgie anzustreben und durch deren Verknüpfung mit Langenbecks Namen das Andenken des großen Chirurgen dauernd zu ehren.
So ist der Gedanke eines Vereinshauses für die deutschen Chirurgen und des Namens, welchen es trägt, nicht nur ganz ausschließlich aus dem Kopfe der ersten Kaiserin des neuen Deutschen Reiches hervorgegangen, sondern sie hat auch die Wege gezeigt und die Kräfte in Bewegung gesetzt, auf welchen und durch welche das Ziel in erreichbare Nähe gerückt wurde. Das außerordentliche Wohlwollen aber, welches die Kaiserin Augusta den Bestrebungen der deutschen Chirurgen entgegenbrachte, hat sie auch auf ihre Nachkommen zu übertragen gewußt, wie Kaiser Wilhelm II. bei den verschiedensten Gelegenheiten und Kaiserin Augusta Viktoria bei den alljährlich sich wiederholenden Empfängen eines Teiles der zum Kongreß versammelten Chirurgen in reichem Maße dargetan haben.
Das bewundernswerte, unbeirrte Festhalten an der Verfolgung des einmal als richtig erkannten Zieles hatte schon vor dem Jahre 1890 die Durchführung des Baues gesichert; doch sollte die Kaiserin Augusta dessen Beginn nicht mehr erleben. Am 7. Januar 1890 schloß die edle Frau, die liebevolle Beschützerin und fleißige Mitarbeiterin an der Entwicklung der deutschen Chirurgie, nach einem Leben voll rastloser Tätigkeit die Augen. Ihr Name und ihr Wirken soll und kann unter den deutschen Chirurgen niemals vergessen werden, die beim Besuche des Langenbeckhauses durch eine Porträtbüste, ein Geschenk ihres Enkels, Kaiser Wilhelms II., an die hochherzige Freundin und Beschützerin deutscher Kunst und Wissenschaft erinnert werden.
In dem kraftvollen und umsichtigen Nachfolger v. Langenbecks auf dem Berliner Lehrstuhle für Chirurgie, in Ernst v. Bergmann, fanden die deutschen Ärzte den geeigneten Führer zur Durchsetzung des kaiserlichen Planes. Der livländische Pfarrerssohn von fast hünenhafter Erscheinung, mit scharfgeschnittener Hakennase und langgetragenem schlichtem Haar, war von Dorpat über Würzburg nach Berlin gekommen. Klug und begabt, mit mächtigen Stimmitteln ausgerüstet, deren Wirkung durch seinen scharfen baltischen Dialekt noch erhöht wurde, Beherrscher des Wortes, welches er in unerhörter Leichtigkeit und mit dichterischem Schwunge zu meistern wußte, Fest- und Gelegenheitsredner ohnegleichen, verband er mit allen diesen Eigenschaften eine Tatkraft, die vor keinem Hindernis zurückwich. Freilich kamen ihm in dem besonderen Falle mancherlei Umstände zu Hilfe. Zunächst hatte die Kaiserin Augusta durch letztwillige Verfügung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie eine Summe von 10000 Mark zum Bau eines Langenbeckhauses vermacht, welches bald nach ihrem Ableben in deren Besitz übergegangen war. Einen noch weit höheren Betrag von 100000 Mark schenkte der deutsche Kaiser Wilhelm II. Eine Sammlung von Beiträgen zu einem Ehrendenkmale für Bernhard v. Langenbeck, die von der Gesellschaft in Gemeinsamkeit mit der Berliner Medizinischen Gesellschaft für ihren langjährigen Vorsitzenden veranstaltet worden war, ergab gleichfalls reiche Mittel in Höhe von fast 100000 Mark. Ungefähr die gleiche Summe konnte die Kasse der Gesellschaft aus ihren Ersparnissen beisteuern, so daß unter Hinzurechnung kleinerer Geschenke am 1. April 1891 eine Summe von mehr als 260000 Mark zur Verfügung stand. Zur Annahme und Verwaltung dieser Summen war die Gesellschaft durch die Erteilung der Korporationsrechte befähigt worden, welche der damalige Vorsitzende v. Bergmann schon am 8. April 1888 beantragt hatte.
So konnte denn an den Bau des Hauses herangetreten werden. Am 18. November 1890 wurde für den Preis von 540000 Mark der Bauplatz in der Ziegelstraße 10/11 erworben, dessen südliche, an die Spree stoßende Hälfte der Gesellschaft verblieb, während der nördliche Teil für 300000 Mark in den Besitz des Staates überging. Die technische Ausführung wurde dem Berliner Baumeister E. Schmidt übertragen, die Oberaufsicht führte der Geheime Oberregierungsrat Spieker vom Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Am 4. April 1891 legte in feierlicher Weise der damalige Vorsitzende Karl Thiersch den Grundstein des Gebäudes, welches nunmehr so schnell gefördert wurde, daß es in wenig mehr als einem Jahre vollendet und gebrauchsfähig dastand.
Der XXI. Kongreß, den man in Rücksicht auf die Fertigstellung bis in den Juni verlegt hatte, wurde am 8. Juni 1892 mit der Einweihung des Langenbeckhauses eröffnet. Vor einer glänzenden Versammlung in welcher der Kaiser durch den Prinzen Friedrich Leopold, die Kaiserin durch den Kabinettsrat Bodo von dem Knesebeck, vertreten wurden, hielt der Vorsitzende Adolf v. Bardeleben die Eröffnungsrede, die in kurzen Strichen die Vorgeschichte des Baues darlegte. Ihm folgte Ernst v. Bergmann mit einem formvollendeten Rechenschaftsberichte, in welchem er in klangvollen Worten, wie sie diesem Meister der Rede bei jeder Gelegenheit zu Gebote standen, die neuen Aufgaben der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, die ihr mit dem Vereinshause erwachsen waren, vorzeichnete. Er schloß mit den Worten: „Wozu v. Langenbeck das Haus einst bestimmt hat, dazu wachse und blühe es: ein Hort der naturwissenschaftlichen Medizin, zur Ehre, Zier und Macht des ärztlichen Standes.“
So war das erste große ärztliche Vereinshaus Deutschlands seiner Bestimmung übergeben. —
Indessen blieb die Freude über das neue Heim, welches alle Mitglieder der Gesellschaft gleichmäßig erfüllte, nur wenige Jahre ganz ungetrübt. Es war wohl eine Folge des ungewöhnlich beschleunigten Baues und die Lage des Hauses auf einem wenig festen, moorigen Boden, daß die bei allen neuen steinernen Gebäuden unvermeidlichen Senkungen und Verschiebungen eine über das Mittelmaß hinausgehende Höhe erreichten. Fast alljährlich mußten mehr oder weniger erhebliche Summen für Ausbesserungen ausgegeben werden, welche den Jahreshaushalt zunehmend belasteten. Und dies war nicht einmal der größte Übelstand, sondern schon nach wenigen Jahren zeigte sich, daß die Fassungskraft des großen Sitzungssaales für die alljährlich anschwellende Mitgliederzahl in seinen Größenverhältnissen zu gering veranschlagt worden sei.
Auf [S. 32] ist bereits von dem schnellen, fast lawinenartigen Anwachsen der Mitgliederzahl die Rede gewesen, die im Jahre 1900, also 8 Jahre nach der Einweihung des Langenbeckhauses, das erste Tausend überschritt, um von da an ein immer schnelleres Zeitmaß einzuschlagen. Der Grund dafür ist nicht ausschließlich in dem Umstande zu suchen, daß alle Ärzte des deutschen Sprachgebietes in Europa, soweit sie sich mit Chirurgie befaßten, es allmählich als eine große Ehre einschätzen lernten, Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein; vielmehr kam als wichtiger Umstand hinzu, daß die Satzungen auch allen fremdsprachigen Ausländern in weitherzigster Gastfreundschaft die Tore öffneten. Immerhin blieben solche Mitglieder, denen das Deutsche nicht Muttersprache war und die sich nicht als Deutsche fühlten, zunächst noch vereinzelt; aber mit der wachsenden Bedeutung der Verhandlungen und ihrer oft überaus wichtigen Entscheidungen in schwebenden Fragen schwoll der Strom der Ausländer mehr und mehr an, schickten nicht nur alle Völker Europas und der Kulturnationen Amerikas ihre Vertreter, sondern sie kamen aus allen Weltteilen. So haben lange Jahre die hervorragendsten Ärzte des bildungseifrigen Japans als Mitglieder unserer Gesellschaft angehört. Unter allen Fremden aber haben die slawischen Völker des europäischen Ostens stets den erheblichsten Bruchteil gestellt.
Es ist nicht ohne Wichtigkeit, sich klar zu machen, in welchem Umfange dieser Zustrom Nichtdeutscher zur Mitgliedschaft der Gesellschaft sich vollzogen hat. Eine Zählung ist allerdings dadurch sehr erschwert, daß weder Name, noch Wohnort des einzelnen einen sicheren Anhalt für sein Deutschtum zu geben vermag. Alle Personen zweifelhafter Nationalität sind daher als Deutsche gerechnet, so daß die aufgestellten Zahlen nur das Mindestmaß der Fremden wiedergeben. Die in Betracht kommenden Zahlen betrugen: