Aber auch die kriegsmäßige Ausbildung der Zivilärzte bildet eines der Ziele dieser Vereine, die seit ihrer Gründung jeden nahen oder fernen Krieg benutzt haben, um wohleingerichtete Kriegslazarette mit Ärzten und Pflegepersonal den beiden kämpfenden Heeren zur Verfügung zu stellen. Ihre Bestrebungen konnten auch seitens der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gefördert werden, da diese nach Bernhard v. Langenbecks Tode von dessen Nachkommen ein wertvolles Geldgeschenk erhielt, dessen Zinsen dazu bestimmt waren, deutschen Ärzten im Falle eines Krieges, an dem das Deutsche Reich unbeteiligt bliebe, Gelegenheit zu kriegschirurgischen Erfahrungen und Studien zu geben. Zum ersten Male ist dieser Grundstock im Mandschurischen Kriege in Anspruch genommen worden, in welchem der preußische Oberstabsarzt Schäfer auf russischer Seite sehr wertvolle Beobachtungen anstellen und veröffentlichen konnte. — Vor allen Dingen aber war es die Militärmedizinalabteilung der deutschen Heere, welche jede Gelegenheit zur Ausbildung in den Kriegen der letzten Jahrzehnte durch Entsendung einzelner Militärärzte benutzt hat. So ist die Genfer Konvention eine höchst erfolgreiche Handhabe zur Förderung der Kriegschirurgie und zur Heranziehung eines Stabes vorzüglicher Kriegschirurgen geworden.

Alles das würde indessen nicht ausreichend gewesen sein, um auf dem Schlachtfelde selber oder in den nächstgelegenen Verbandplätzen jedem einzelnen Verwundeten eine zuverlässige Behandlung zu sichern, wenn es inzwischen nicht gelungen wäre, die Wunde in der einfachsten und am wenigsten zeitraubenden Weise unter einen vorläufigen Schutz zu stellen; denn hätte man die Tausende von Verletzten einer großen Schlacht in gleicher Weise behandeln wollen, wie es die umständliche Antiseptik oder Aseptik des Friedens verlangt, so wäre keine Macht der Erde imstande gewesen, zu verhindern, daß nur einem kleinen Bruchteile die Segnungen der neuen Wundbehandlung zuteil geworden wären, während alle übrigen nach wie vor den Unbilden der Verunreinigung, der Witterung, des Transportes, der Blutungen und der Hospitaleinflüsse ausgesetzt geblieben wären.

Die Lösung der hier gestellten Aufgabe ist sowohl von der Militärmedizinalverwaltung wie von den im Kongreß vereinigten deutschen Chirurgen aufs eifrigste und, soweit es die wechselnden Schwierigkeiten der Lage zulassen, mit bestem Erfolge in Angriff genommen worden. Zwei Wege waren es, auf welchen man das gesteckte Ziel, wenn nicht völlig zu erreichen, so doch ihm möglichst nahe zu kommen suchte.

Den ersten dieser Wege betrat man in Form der [Krankenzerstreuung], von der auf [S. 8] bereits die Rede gewesen ist. Dieses schon in früheren Kriegen übliche, aber systematisch wohl zuerst von dem hervorragenden russischen Chirurgen Pirogoff im Jahre 1847 in den Kriegslazaretten des Kaukasus in größerem Umfange angewandte Verfahren ist auch von deutscher Seite in den Kriegen von 1864, 1866 und besonders großartig 1870/71 benutzt worden. Auch auf diesem Felde hat aber die veränderte Geschoßwirkung des Kleinkalibers zu Abweichungen von der ursprünglichen Handhabung gezwungen, von denen wir teils aus der Deutschen Kriegssanitätsordnung, teils aus dem an das Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz gesandten Berichte Walter v. Öttingens vom September 1905 Näheres erfahren. Nach ihm wurden auf dem Sortierungspunkte in Mukden die eingelieferten Verwundeten in drei Gruppen geteilt: Leichtverwundete, die so lange an Ort und Stelle verblieben, bis sie zu ihren Truppenteilen zurückkehren konnten, und Schwerverwundete, die bis zu ihrer Transportfähigkeit gleichfalls dort in Behandlung waren. Dagegen wurden die Zugehörigen zur dritten Gruppe, nämlich alle jene Fälle, die zwar eine lange Heilungsdauer erheischten, aber doch transportfähig waren, möglichst schnell rückwärts gesandt, nachdem man sie durch Gipsverband, Operation oder nur gutsitzende Verbände dazu fähig gemacht hatte.

Immerhin entspricht auch dies Verfahren bei weitem noch nicht den dringenden Anforderungen des Schlachtfeldes selber, wie sie an die ärztlichen Begleiter der Truppenteile und deren Krankenträger gelegentlich herantreten. In früheren Kriegen haben sich die jungen Ärzte wohl damit beschäftigt, Kugeln schon auf dem Kampfplatze auszuziehen und herauszuschneiden, weil dies von den Verwundeten selber aufs lebhafteste verlangt wurde. Das ist ein in keiner Weise zu billigendes Verfahren, weil es die Arbeitskräfte auf unwesentliche Nebendinge ablenkt und dem Verletzten niemals nützt, aber vielfach schadet. Überhaupt sollten die Operationen auf dem Schlachtfelde und in den ersten Verbandplätzen im allgemeinen verboten sein, oder doch sehr eingeschränkt werden. Nur die Verletzungen des Bauches und großer Gefäße machen eine Ausnahme, zumal wenn letztere so gelegen sind, daß ihnen durch Anlegung einer zentralwärts angebrachten elastischen Binde nicht beizukommen ist; denn sonst würde der Verwundete während des Transportes zum Lazarett sich voraussichtlich verbluten. Alle übrigen Wunden aber bedürfen nur eines schnell anzulegenden Schutzverbandes, die Knochenschüsse zugleich einer Schienung. Das sind die jetzt wohl allgemein geltenden Grundsätze der ersten Behandlung von Kriegsverletzungen.

Der Trieb, einen solchen ganz einfachen und doch wirksamen Verband herzustellen, hat die deutschen Chirurgen schon seit dem Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie beherrscht. Auf dem V. Kongreß von 1876 hielt Friedrich Esmarch einen Vortrag: „Die antiseptische Wundbehandlung in der Kriegschirurgie“, den er im Jahre 1879 vervollständigte. In beiden Reden legte er die Grundsätze dar, denen zwar einzelne Chirurgen in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere B. v. Langenbeck, bereits gefolgt waren, ohne daß sie aber bei der Mehrzahl Anerkennung gefunden hätten — die Grundsätze: vor allen Dingen durch Fingeruntersuchung der Wunden und Sondeneinführung keinen Schaden anzurichten, die zerschossenen Knochen ruhigzustellen, endlich den in seiner ganzen Strenge auf dem Schlachtfelde und auf dem Notverbandplatze nicht durchführbaren antiseptischen Verband aufs äußerste zu vereinfachen. Esmarch wurde hier der Urheber des Verbandpäckchens, welches aus einem antiseptischen Ballen, einem dreieckigen Tuche und einer Binde bestehend, in die Uniform eingenäht, jedem ins Gefecht ziehenden Krieger mitgegeben wurde, um bei seiner Verwundung sofort zur Hand zu sein. Dies Päckchen hat sich, wenn auch vielfach verändert, bis heute erhalten; es wird noch in der Kriegssanitätsordnung vom Januar 1907 als zur Ausrüstung des Feldsoldaten gehörig aufgeführt.

Zahlreiche Chirurgen haben seitdem auf den Schlachtfeldern von vier Erdteilen jene Grundsätze praktisch erproben können. Als die ersten sind aus dem Russisch-Türkischen Kriege von 1877 Karl Reyher aus Dorpat und Ernst v. Bergmann zu nennen, von denen ersterer auf dem kleinasiatischen Kriegsschauplatze, letzterer an der Donau tätig war. Während aber Reyher in einem wohlausgestatteten Lazarette des Roten Kreuzes arbeitete und deshalb den Forderungen der antiseptischen Behandlung in vollem Umfange genügen konnte, war Bergmann in den mörderischen Schlachten der russischen Donauarmee in wesentlich schwierigeren Verhältnissen, in welchen er dennoch durch Befolgung der Grundsätze einer konservativen Chirurgie in Verbindung mit einer den Umständen angepaßten aseptischen Behandlung ganz überraschende Erfolge erzielte. Er wird daher als Begründer der Asepsis in der Kriegschirurgie angesehen, was Esmarch gegenüber wohl nicht ganz gerecht ist; denn wenn dieser auch noch chemische Mittel in Anwendung zog, so ist doch das Verfahren beider sonst ziemlich gleich; und chemische Mittel sind auch heute noch nicht ganz aus der Kriegschirurgie geschwunden. So wird von Walter v. Öttingen die von R. Credé im Jahre 1896 zuerst empfohlene Behandlung mit Silbersalzen (Kollargol) für den ersten Verbandplatz außerordentlich gerühmt; und zwar geschah die Anwendung des gänzlich ungiftigen Mittels in folgender Weise: die Wunde und ihre Umgebung wurde nicht gewaschen, sondern letztere nur mit einer Harzlösung bestrichen, um die an Haut und Haaren klebenden Bakterien mechanisch festzuhalten, auf die Wunde eine Silbertablette gelegt und über dieser ein aseptischer Ballen mit einer Binde befestigt. An Einfachheit läßt dieser Verband gewiß nichts zu wünschen übrig.

Noch sei mit kurzen Worten auf die Bedeutung hingewiesen, welche Röntgens große Erfindung, die [Aktinographie], auch für die Kriegschirurgie gewonnen hat. Sie hat vor allen Dingen die kriegschirurgische Erkenntnis aller Einzelheiten der Wunde möglich gemacht, insbesondere nach der Richtung steckenbleibender Fremdkörper und der Knochenverletzungen; und hat solche Feststellung ermöglicht, ohne Beunruhigung der Wunde und ohne Schmerz hervorzurufen. Selbstverständlich hat dabei auch die Behandlung gewonnen und zwar nicht allein der frischen Wunden; denn die Heilungsvorgänge verletzter Knochen lassen sich auch durch den Wund- und Gipsverband hindurch in regelmäßiger Wiederholung der Durchleuchtung beobachten. Der Wert des Verfahrens hat sich schnell als so erheblich erwiesen, daß die Militärmedizinalverwaltungen aller Länder sich zur Anschaffung entsprechender Apparate bewogen sahen. So besitzen wir denn zurzeit bereits aus sieben Kriegen Mitteilungen über diagraphische Untersuchungen, zuerst seitens der Italiener im abessinischen Feldzuge von 1896, in welchem die Studien freilich erst begannen, nachdem die Verwundeten die heimatlichen Lazarette erreicht hatten. Ebenso stammen die Berichte von Küttner und Abbott aus dem Griechisch-Türkischen Kriege von 1897 nicht vom Schlachtfelde, sondern aus Konstantinopel und Phalarus, betreffen also ältere Verwundungen. Dagegen haben die nachfolgenden Kriege der Engländer gegen die Afridis und im Sudan, der Spanisch-Amerikanische, der Burenkrieg (1899/1900), der Hererokrieg in Südwestafrika (1904/07), endlich der Russisch-Japanische Krieg von 1904/05 ein sehr reiches Beobachtungsmaterial sowohl vom Schlachtfelde, wie aus den Reservelazaretten gebracht. Alles das ist in dem vom Generalarzt Schjerning und seinen Mitarbeitern Thöle und Voß im Jahre 1902 herausgegebenen „Archiv und Atlas der normalen und pathologischen Anatomie in Röntgenbildern (Abteilung: Die Schußverletzungen)“ zusammengefaßt und bearbeitet, der im Jahre 1913 bereits eine zweite, erweiterte Auflage erfahren hat. Das Werk ist eine ausgezeichnete Quelle der Belehrung über alle Formen der Schußverletzungen.

So hat denn die Kriegschirurgie nach allen Richtungen Förderung und Erweiterung erfahren. Die schnelle Aneignung und Verwertung aller auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Chirurgie wie der gesamten Naturwissenschaften liegenden neuen Errungenschaften, die fleißige und unausgesetzte Arbeit der Militärmedizinalverwaltung und der Chirurgenkongresse haben sie auf eine Höhe gebracht, die weit von dem Zustande um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert verschieden ist und der die begründete Hoffnung zuläßt, daß sie im Falle eines neuen Krieges, trotz der ungeheuren Entwicklung der Waffentechnik, ihre Aufgaben voll und ganz zu erfüllen imstande sein werde.