Kapitel XI.
Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer Infektionskrankheiten und bösartiger Neubildungen.
Noch eine zweite Gruppe von Wunden und Verschwärungen macht eine eigene Betrachtung notwendig, nämlich solche, welche in [tuberkulösen Geweben] vorkommen. Zwar vermochte Köster in Bonn schon im Jahre 1869 das Vorkommen von Knötchen (Tuberkeln) in der Synovialhaut der Gelenke nachzuweisen; dennoch hatte man bis zur Entdeckung des Tuberkelbazillus im Jahre 1882 nur sehr unbestimmte Vorstellungen von dem eigentlichen Wesen gewisser Knochen- und Gelenkkrankheiten, die in der Unterscheidung kalter und heißer Abszesse, sowie in der Bezeichnung gewisser, sehr langsam verlaufender Gelenkleiden als Tumor albus, weiße Gelenkgeschwulst, ihre schüchterne Andeutung fanden. Diese und manche andere Erscheinungen, die Unterernährung des Körpers, die Blässe der Hautdecken, Lymphdrüsenschwellungen, die Neigung zu mancherlei Ausschlägen, zumal am kindlichen Körper, faßte man als Skrophulosis, Schweinchenkrankheit, zusammen, unter einem Ausdrucke also, welcher der Auftreibung des Halses durch Vergrößerung der zahlreichen dort eingebetteten Lymphdrüsenketten eine Ähnlichkeit mit dem kurzen, gedrungenen Halse des Ferkels beizulegen sich bemüht. Von einem Zusammenhange dieser „Skrofulose“ mit der Tuberkulose, der Knötchenkrankheit der Lungen, hatte man damals noch keine Vorstellung, selbst dann noch nicht, als die Tuberkel als regelmäßiger Befund bei Lungenphthise längst entdeckt waren. Erst auf der Münchener Naturforscherversammlung von 1877 und auf dem Chirurgenkongreß von 1878 (Karl Hüter) wurde wenigstens eine Verwandtschaft dieser Vorgänge wahrscheinlich gemacht. Ebensowenig wußte man Sicheres von der tuberkulösen Natur des Lupus, jener entsetzlichen Hautkrankheit, welche das menschliche Antlitz in eine abscheuerregende Maske verwandelt, obwohl Friedländer schon im Jahre 1872 Tuberkel in lupöser Haut beschrieben hatte. Aber nach der Entdeckung des Erregers der Tuberkulose folgten die Aufklärungen Schlag auf Schlag. Schon Anfangs 1883 konnte Doutrelepont in Bonn über den Nachweis von Tuberkelbazillen im Lupusgewebe berichten; und nachdem Koch in seiner großen klassischen Arbeit von 1884 auch den Lupus in seine Besprechung miteinbezogen, die spezifischen Bazillen innerhalb der Riesenzellen nachgewiesen hatte, war ein Zweifel an der Tatsache, daß dieser eine rein tuberkulöse Krankheit sei, nicht mehr möglich. In gleicher Weise gelang der Nachweis des Tuberkelbazillus in Knochen, Gelenken und in allen Weichteilen, welche entweder durch kleine und größere Verletzungen von außen her, oder auf dem Wege des Blutstromes mit Bazillen oder ihren Sporen in Berührung kamen.
Es war selbstverständlich, daß mit dieser Feststellung den Wundärzten die Hoffnung wuchs, die einmal ausgebrochene Krankheit mit Hilfe einer immer zuverlässiger werdenden Wundbehandlung zu bezwingen. In der Tat hatte schon die Listersche Antisepsis manchen schönen Erfolg bei der Operation kalter Abszesse, durch Resektion „skrofulös“ erkrankter Gelenke, Beseitigung käsiger Knochenherde und ähnlicher Leiden aufweisen können; aber die Erwartung, alle mehr peripher gelegenen Krankheitsherde operativ und mit Hilfe der Antisepsis der Heilung zuführen zu können, mußte schon aus dem Grunde Schiffbruch leiden, weil, wie erst spätere Studien festgestellt haben, die Tuberkulose sehr häufig in vielen Herden auftritt, indem Ausbrüche an den verschiedensten Körperteilen entweder gleichzeitig oder nacheinander erfolgen. Dies Verhalten findet seine Erklärung in dem Umstande, daß oft ein tief verborgener käsiger Herd die Quelle für die auf dem Blutwege erfolgende Vergiftung des Körpers mit Tuberkelbazillen und ihren Fortpflanzungsorganen darstellt. Nicht einmal bei einer so oberflächlich gelegenen Erkrankungsform, wie dem Lupus der äußeren Haut, gelang in vorgeschrittenen Fällen die Heilung, die höchstens bei noch sehr wenig umfangreichen, aber frühzeitig erkannten Herden durch vollkommene Ausschneidung des veränderten Hautstückes in den meisten Fällen erreicht wurde. Die lupöse Hauterkrankung verhielt sich also dem Messer gegenüber ganz ähnlich, wie wir es weiterhin von den Hautkrebsen kennen lernen werden.
Immerhin ergab die antiseptische Behandlung schon aus dem Grunde erheblich bessere Heilungen, wie je zuvor, weil die Infektion tuberkulöser Wunden und Geschwüre mit eitererzeugenden Keimen ein üppigeres Wachstum der Tuberkelbazillen herbeizuführen scheint. Trotzdem blieb die Behandlung unbefriedigend, da doch die meisten Kranken, die wegen tuberkulöser Leiden einer Operation unterworfen waren, entweder örtlich Rückfälle bekamen, oder nach einiger Zeit gar einer allgemeinen Tuberkulose zum Opfer fielen. Billroth berechnete unter seinen wegen tuberkulöser Erkrankung ausgeführten Gelenkresektionen nicht weniger wie 27 %, König (1880) nach einer offenbar zu kurzen Beobachtungszeit immerhin schon 21,5 % Todesfälle an miliarer Ausbreitung des Leidens über den ganzen Körper. So wuchs denn die Sehnsucht nach einem spezifischen Mittel zur Unterdrückung wenigstens örtlicher Tuberkulose; und ein solches glaubte Mosetig v. Moorhof in Wien im Jahre 1880 in dem Jodoform gefunden zu haben. Überaus schnell kam das Mittel in Aufnahme. Man bestreute Wunden in tuberkulösen Geweben dick mit Jodoformpulver und nähte darüber zu, man entleerte kalte Abszesse mittels des Trokars oder der Pravazschen Saugspritze und füllte den so entstehenden Hohlraum zum Teil mit einer Jodoform-Glyzerin-Aufschwemmung. Aber auch hier blieb eine gewisse Enttäuschung nicht aus, wie schon auf [S. 41] geschildert worden. Denn einerseits forderten die Vergiftungen, welche das zumal in fetthaltigen Geweben aus der Gebundenheit des Jodoforms freiwerdende Jod hervorrief, zu immer größerer Vorsicht auf, anderseits wurden die antiseptischen Eigenschaften des Mittels immer zweifelhafter; und selbst die spezifische Wirksamkeit auf Tuberkelbazillen blieb nicht unangefochten, wenn sie auch niemals gänzlich bestritten worden ist. Man benutzte zwar das Jodoform, zuweilen auch reines Jod in Gestalt der Jodtinktur noch weiterhin als das beste Mittel gegen tuberkulöse Erkrankungen, hat aber die Vorstellungen von einer durchaus sicheren Einwirkung auf Entstehung und Ausbreitung der Bazillen, selbst in leicht zugängigen Geweben, längst aufgeben müssen. Noch im Jahre 1913 hat dieser Gegenstand den Chirurgenkongreß beschäftigt, in dem die schon früher von Rinne (1884) angeratene Behandlung eiternder Gelenktuberkulosen durch breite Eröffnung und halboffene Ausstopfung der Wunde mit Jodoformmull von neuem dringend empfohlen wurde. —
Aber noch einmal sollte der medizinischen Welt die Hoffnung auf ein spezifisches Heilmittel erweckt werden und zwar diesmal in Form einer Einwirkung auf bazillenhaltige Gewebe vom Blute aus. Die dabei sich abspielenden Vorgänge sind in einer Weise dramatisch belebt und erregend, daß sie wie der Höhepunkt einer Schicksalstragödie anmuten. Indessen wenn sie auch bei der allein in Betracht kommenden Krankheit zunächst mit einer Niederlage, einer grausamen Zerstörung uferloser Hoffnungen geendet haben, so wurden sie doch der Ausgang einer neuen Entwicklung, die auch der Chirurgie unendliche Vorteile gebracht hat, und deren weitere Folgen für die Zukunft noch in keiner Weise übersehen werden können.
Es war in der ersten Sitzung vom 4. August 1890 des in Berlin tagenden X. Internationalen medizinischen Kongresses, als Robert Koch den von ihm angekündigten und mit Spannung erwarteten Vortrag: „Über bakteriologische Forschung“ hielt. Darin teilte er mit, daß er schon bald nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus angefangen habe, nach Mitteln zu suchen, welche sich zur Behandlung der Tuberkulose verwerten ließen. Solche Mittel müßten die Fähigkeit haben, nicht nur Reinkulturen von Bazillen in ihrer Entwicklung zu hemmen, sondern auch im lebenden Tierkörper die gleiche Wirkung zu entfalten; erst dann dürften Versuche am Menschen nachfolgen. Inzwischen sei es ihm gelungen, eine Flüssigkeit herzustellen, welche bei der Einverleibung in den Körper gesunder Meerschweinchen wirkungslos bleibe, dagegen bei hochgradig tuberkulösen Tieren die Krankheit völlig zum Stillstande bringe, ohne den Körper nachteilig zu beeinflussen.
Die Art der Zusammensetzung und der Herstellung des Mittels wurde zunächst noch verschwiegen. Dennoch rief schon diese Äußerung eine bedeutende Erregung hervor, da sie eine große Idee zur Heilung der entsetzlichen Krankheit ahnen ließ.
Unter Kochs und seiner Assistenten Leitung wurden nun sofort in verschiedenen Krankenanstalten, auch in der Charité und in v. Bergmanns chirurgischer Klinik Prüfungen des Verfahrens am lebenden Menschen vorgenommen, von denen genug in die Öffentlichkeit drang, um die Erwartungen zur Siedehitze zu steigern. Auch fehlte es nicht an begeisterten Lobpreisungen der Erfindung und des Erfinders seitens aller an den Versuchen beteiligten Ärzte. So veranstaltete Ernst v. Bergmann am 16. November 1890 eine außerordentliche Sitzung der Freien Vereinigung Berliner Chirurgen, um über die bisherigen Beobachtungen Bericht zu erstatten und in Behandlung befindliche Kranke vorzuführen. Von nah und fern waren die besten Vertreter der Medizin in großer Zahl zusammengeströmt. „Seit den Zeiten des Hippokrates und Galen,“ so sagte v. Bergmann in seiner Einführungsrede, „war es keinem gegeben, gleichzeitig die Erscheinungen der Krankheit und ihre Ursachen zu erkennen, sowie ihre Heilung zu sichern. Es scheint, als ob in Robert Koch unserer Nation dies große Glück geschenkt worden sei. Wäre irgend ein anderer aufgetreten mit der Nachricht, daß er ein Heilmittel gegen die Tuberkulose gefunden habe, er würde bei uns kein Glück gehabt haben.“ Der also Gefeierte war allerdings allen Bemühungen zum Trotz der Versammlung ferngeblieben; aber wenige Tage zuvor, am 13. November, hatte er einen Aufsatz veröffentlicht: „Weitere Mitteilungen über ein Heilmittel gegen Tuberkulose“, in welchem er seine bisher gewonnenen Anschauungen niederlegte. Das Mittel (welches erst später den Namen Tuberkulin erhielt) bleibt in seiner Zusammensetzung noch unbesprochen. Fest stehe aber, daß es eine spezifische Wirkung auf tuberkulöse Prozesse habe, welcher Art sie auch immer sein mögen; es könne daher auch als diagnostisches Hilfsmittel für verborgene tuberkulöse Herde dienen. Wichtiger sei seine Bedeutung als Heilmittel; freilich töte es nicht die Tuberkelbazillen, sondern nur das tuberkulöse Gewebe, welches demnach zwar absterben, aber dennoch Bazillen weiterhin enthalten könne. Auf totes Gewebe, Käse, nekrotische Knochen wirke es nicht mehr; demnach sei es Aufgabe des Chirurgen, das abgestorbene Gewebe möglichst bald aus dem Körper zu entfernen. Da dies bei Tuberkulose innerer Organe, zumal bei Lungenphthisis schwer erreichbar sei, so könne letztere nur im Beginne mit Sicherheit geheilt werden. — Übrigens werde die Flüssigkeit den Ärzten, welche Versuche machen wollten, schon jetzt zur Verfügung gestellt.
Man wird sich später nur noch schwer eine Vorstellung davon machen können, welch ein Taumel des Entzückens, welch ein jubelnder Aufschrei der Wonne durch die ganze Ärztewelt ging; und nicht nur durch diese: die gesamte Menschheit, soweit sie den Kulturvölkern angehörte, war wie in einem Schwindel der Begeisterung gegenüber der nicht mehr bezweifelten Annahme, daß der heimtückische, schlimmste Feind des Menschen, dem alljährlich Hunderttausende nach entsetzlichem Siechtum zum Opfer fielen, nunmehr niedergerungen, zu Boden gestreckt, vernichtet sei. Hatte doch Koch gesprochen, der Mann, der noch niemals eine Entdeckung hinausgegeben hatte, ehe sie fest und unantastbar dastand. Gleich einem wilden, vom Gewittersturme aufgepeitschten Bergstrome überflutete die Erregtheit der öffentlichen Meinung alle Dämme, welche Vorsicht und Besonnenheit aufzurichten versuchten. Hunderte von Heilanstalten für Tuberkulöse erstanden über Nacht, die mit der Herstellung des Mittels beauftragten Ärzte waren der Nachfrage auch nicht entfernt gewachsen, die Glücklichen, denen es gelungen war, sich rechtzeitig eine angemessene Menge der heilenden Flüssigkeit zu sichern, wurden von allen Seiten bestürmt, angefleht, selbst beschimpft, wenn sie sich weigerten, ein in seiner Zusammensetzung noch ganz unbekanntes Mittel aus der Hand zu geben, ehe sie selber vorsichtige Versuche damit angestellt hätten. Die medizinische, unterstützt von der politischen Tagesliteratur brachte fast in jeder Nummer Aufsätze über die Kochsche Behandlung, veranstaltete Sonderausgaben und steigerte die Aufregung. Um die Jahreswende 1890/91 schien es zuweilen fast, als habe sich die Welt unter der Einwirkung des Tuberkulins in ein Tollhaus verwandelt.