Der erste, aber sehr vernehmliche Halt wurde der Bewegung geboten, als Virchow am 7. Januar 1891 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft über die Wirkung des Kochschen Mittels sprach, soweit er sie an Leichen von Menschen, die während des Lebens nach Kochs Vorschriften behandelt worden waren, bei der Leichenöffnung hatte feststellen können. Zum erstenmal wurde hier der bestimmte Verdacht ausgesprochen, daß die in den tuberkulösen Herden künstlich erzeugte Blutfülle und Erweichung die in den Geweben lagernden Tuberkelbazillen freizumachen und ihre Verschleppung in Nachbargewebe, selbst in weite Ferne, herbeizuführen vermöge. — Am 15. Januar erschien dann Kochs dritte Äußerung, welche mitteilte, daß der Stoff, mit welchem sein Heilverfahren geübt werde, ein Glyzerinextrakt aus den Reinkulturen der Tuberkelbazillen sei. Im übrigen hielt der Verfasser durchaus an seinem früheren Standpunkte fest und wies vereinzelte Behauptungen, daß die Behandlung nicht nur gefährlich werden, sondern geradezu schädlich sein könne, mit aller Entschiedenheit ab. Demgemäß wurden die Versuche am Menschen in Kliniken und Krankenhäusern ununterbrochen fortgesetzt.
Am 1. April 1891 wurde von dem Vorsitzenden Karl Thiersch der XX. Chirurgenkongreß in der Aula der Universität eröffnet, für dessen ersten Tag Ernst v. Bergmann einen „Einleitenden Vortrag zu der Besprechung über die Kochsche Entdeckung“ übernommen hatte. Robert Koch war zu dieser Sitzung eingeladen und hatte auf der ersten Sitzreihe, dem Rednerpulte gegenüber, Platz genommen. In der ihm eigenen schwungvollen Redeweise hob v. Bergmann als das Neue und Überraschende der Methode hervor, daß die Einverleibung des Mittels an entfernter Körperstelle eine Entzündung erzeuge und zwar eine solche, die sich auf tuberkulös erkrankte Gewebe beschränke. Für die Besprechung stellte er mehrere Thesen auf, deren Bedeutung er selber eingehend erörterte. Man merkte dem sehr gewandten Redner eine gewisse Befangenheit an, als er mit dem Geständnis schloß, daß man noch nicht so weit gekommen sei, einen wesentlichen und vollends den erhofften großen Gewinn für die Kranken aus dem neuen Verfahren zu ziehen. Er endete seine Rede mit der Hoffnung auf fleißige klinische Arbeit der Zukunft, die vielleicht anderes und Besseres bringen werde als bisher.
Als zweiter Redner trat Franz König auf, der hochgewachsene blonde Hesse mit dem nur noch wenig behaarten Schädel und dem spitzen Kinnbarte, ein ernster, aufrechter Mann, dessen Züge nur selten durch ein Lächeln gemildert wurden, während er doch ein menschenfreundliches Herz in der Brust trug; der immer nur die Wahrheit suchte und, falls er sie gefunden zu haben glaubte, sie rückhaltslos, zuweilen mit einer gewissen Herbheit, vertrat. Schon in seiner Göttinger Zeit hatte er sich, neben Richard v. Volkmann, die größten Verdienste um die Ausbildung der Lehre von der Tuberkulose der Knochen und Gelenke erworben; er war also zweifellos zur Prüfung der aufgeworfenen Frage ganz besonders berufen. Noch mehr aber durch seinen lauteren Charakter; denn von Anfang an war er der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, zu deren Mitbegründern er zählte, ein volles Menschenalter hindurch der getreue Eckart, der scharf, klar und ohne Menschenfurcht jede Unvollkommenheit geißelte, jede Überschwenglichkeit dämpfte. In seiner ruhigen, geläufigen Redeweise gab er seine Meinung dahin ab, daß in derselben Form, wie er früher einmal eine Ausbreitung der Tuberkulose als Folge operativer Eingriffe beschrieben habe, das Tuberkulin gelegentlich zur Verschleppung der Bazillen und zu deren Aussaat über den ganzen Körper den Anlaß geben könne. Aber auch er wünschte dennoch einen, wenn auch sehr vorsichtigen Weitergebrauch des Mittels, unter gleichzeitiger Benutzung sowohl des Jodoforms, wie der Operation. Von ihm fiel der von vielen Zuhörern im stillen bestätigte Ausspruch, das Aussehen seiner Klinik sei im Laufe des letzten Winters so gewesen, daß er Gewissensbisse gehabt und sich vor fremden Menschen, denen er die Klinik zeigen sollte, geschämt habe. Weiterhin sprachen noch Schede (Hamburg), Lauenstein, v. Eiselsberg und Küster, von denen keiner für die unbedingte Fortsetzung der Versuche sich einlegte; sogar die Sicherheit des diagnostischen Wertes des Tuberkulins fand Anzweiflung, und Kochs Angabe, daß letzteres die die Bazillen einhüllenden Gewebe zum Absterben bringe, konnte auf Grund eingehender Untersuchungen von Schimmelbusch und Karg nicht einmal für den eigentlichen Tuberkel bestätigt werden. Nur die örtliche Blutfülle und Reizung wurde anerkannt. — Immerhin war die Gesellschaft auf Vorschlag des Präsidenten damit einverstanden, daß die weitere Besprechung des Gegenstandes auf den nächstjährigen Kongreß verschoben würde.
Während in dieser Weise die Beobachtung am Krankenbette durch den Mund ihrer Vertreter, selbstverständlich immer unter ausgesprochener Huldigung seines Genius, gegen Kochs Entdeckung und ihre Deutung die wuchtigsten Keulenschläge richtete, saß ihr Urheber bleich und wortlos, mit versteintem Gesichte, über welches nur hier und da ein Schatten, ein leichtes Zucken der Lippen flog, den Rednern gegenüber. Sah er doch in der fast einmütigen, wenn auch sehr zurückhaltenden Verurteilung seiner Methode durch die Vertreter der deutschen Chirurgie das Ergebnis langer mühsamer Forschung, wenn nicht vernichtet, so doch aufs äußerste gefährdet und ins Wanken gebracht. Und doch waren die Geschehnisse dem bisherigen und auch späteren Vorgehen Kochs so wenig entsprechend, daß man sich fragen muß, wie es möglich war, daß der überragende Geist, der bisher die großartigsten Geschenke an seine Wissenschaft und an die Menschheit erst herausgegeben hatte, nachdem jede, auch die entfernteste Möglichkeit einer anderen Deutung auf das Sorgfältigste erwogen und entweder abgetan oder richtig erklärt worden war, der also nur völlig reife und unantastbare Ergebnisse veröffentlicht hatte, in dieser so überaus wichtigen Frage mit einem unreifen, nicht abgeschlossenen Erzeugnis vor die ärztliche Welt getreten war. Die Erklärung liegt darin, daß Menschliches, Allzumenschliches sich in die stille Werkstatt des Gelehrten eingedrängt und seine Zirkel gestört hatte.
Koch selber hat dies mit den Worten angedeutet, es sei zu viel von seinen Untersuchungen durchgesickert, als daß sich die Veröffentlichung habe aufschieben lassen. Nun stand im Sommer 1890 der Internationale medizinische Kongreß bevor, der zum erstenmal in der Hauptstadt des geeinigten Deutschen Reiches tagen sollte; da war es begreiflich, daß alle Beteiligten den brennenden Wunsch hatten, diese Zusammenkunft der medizinischen Gelehrsamkeit der ganzen Erde recht glänzend zu gestalten. Als daher der damalige Kultusminister v. Goßler, ein Mann von hoher Intelligenz und von ungewöhnlichem Verständnis für die Aufgaben naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung, durch v. Bergmann über Kochs Untersuchungen unterrichtet wurde, da erwuchs in beiden Männern der Gedanke, durch eine einleitende Rede des Forschers, die der Welt eine neue großartige Entdeckung bringe, den Verhandlungen der gelehrten Vereinigung einen besonders glanzvollen Auftakt zu geben. Koch weigerte sich zunächst mit aller Entschiedenheit, eine in keiner Weise abgeschlossene Untersuchung, welche dennoch die leidenschaftlichsten Erwartungen wachzurufen geeignet war, bereits in die Öffentlichkeit zu tragen; allein den immer stürmischer werdenden Überredungskünsten von beiden Seiten hat er auf die Dauer nicht widerstehen können. So ist es denn geschehen, daß in seinem Systeme nicht nur der Schlußstein, die Prüfung am menschlichen Körper, fehlte, sondern daß an den Tieren, welche er durch Tuberkulin geheilt zu haben glaubte, niemals Sektionen vorgenommen worden sind[1]. Diese Versäumnis, diese bedauernswerte Übereilung hat er mit einem Ikarischen Fluge und Sturze zu bezahlen gehabt, der zwar dem Andenken des unvergleichlichen Forschers kaum einen Eintrag zu tun vermag, der aber doch, wie heute zugestanden werden muß, unzähligen Menschen die Gesundheit zerstört und ein frühes Ende bereitet hat. Das tragische Schicksal dieser an sich so großartigen Erfindung bleibt für alle Zeiten eine ergreifende Warnung, wenn auch nicht leicht wieder so viele ungünstige Umstände zusammentreffen werden, um einen Genius gleich Robert Koch zu Falle zu bringen.
Das weitere Schicksal des Tuberkulins ist schnell erzählt. Der Kongreß von 1892 brachte nicht etwa eine Wiederaufnahme der Besprechung des Vorjahres, sondern an bescheidener Stelle, am Nachmittage des zweiten Sitzungstages einen Vortrag Franz Königs: „Die moderne Behandlung der Gelenktuberkulose“. Er enthält zunächst das Eingeständnis, daß eine ideale Heilung, d. h. eine Beseitigung aller Äußerungen der Krankheit an den Gelenken, wie an anderen Organen nicht erzielt werden könne und deshalb zu übergehen sei. „Weder bei den medikamentösen, noch bei den Impfversuchen (Tuberkulin) ist bis jetzt etwas herausgekommen. So sehr sie eine Zeitlang die Menschheit aufgeregt haben, sie müssen als Zukunftsmusik bezeichnet werden.“ Demnach sei die Gelenktuberkulose nach wie vor örtlich zu behandeln und zwar in dreifacher Weise: durch Absetzung der Glieder oder Ausschneidung der Gelenke, durch subkutane Einspritzung von Arzneistoffen (Jodoform); endlich durch funktionell-physikalische Einwirkung auf die Glieder. Die erstgenannte Gruppe, die Behandlung durch das Messer, sei nach Möglichkeit einzuschränken, aber keineswegs zu entbehren. — Die nachfolgenden Redner sprachen sich in ähnlicher Weise aus; so sagte v. Bergmann, durch die Einführung der Jodoformeinspritzung sei wirklich mehr geschaffen, als durch das, was Koch, Liebreich, Schüller u. a. vom Blute aus auf die kranken Gelenke hätten bewirken wollen. — Die Sitzung wurde weiterhin dadurch denkwürdig, daß August Bier (Kiel) sein neues Verfahren einer konservativen Behandlung der Gelenktuberkulose durch Stauung vortrug.
So war denn für die Chirurgie das Tuberkulin vollständig abgetan und ist wenigstens als Heilmittel abgetan geblieben. Die dauernd fortgesetzten Versuche, die Kochschen Gedanken trotz allem auf anderen Wegen für die Menschheit nutzbar zu machen, können daher unser Interesse nur in sehr beschränktem Maße in Anspruch nehmen, da sie zur Chirurgie nie mehr ernstere Beziehungen gewonnen haben. Ob die in neuester Zeit wiederholt angestellten Versuche, die biologisch andersartigen Tuberkelbazillen niederer Tierarten zur Herstellung eines Heilmittels für den Menschen zu benutzen, greifbare Erfolge haben werden, läßt sich bisher noch nicht mit Sicherheit übersehen. Durch den Kochschen Zusammenbruch sind die Chirurgen zwar um eine glänzende Hoffnung ärmer, aber um eine belehrende Erfahrung reicher geworden.
Die Chirurgie ist zu der Behandlung, welche König im Jahre 1892 umrissen und Bier ergänzt hatte, zurückgekehrt und dabei geblieben. Man ist bescheidener in seinen Erwartungen geworden, man weiß, daß nicht alle Fälle heilbar und daß die anscheinend Geheilten vor früheren oder späteren Rückfällen nicht sicher sind; aber gegenüber dem traurigen Lose tuberkulöser Menschen in früheren Zeiten haben Antisepsis und Asepsis, Jodoform, physikalische Behandlung und Stauung Ergebnisse erzielt, durch welche das Schicksal der von Knochen- und Gelenktuberkulose Befallenen denn doch eine ganz erhebliche und sehr erfreuliche Milderung erfahren hat.
Durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert ziehen sich in allen Kulturländern der Erde und selbst bei rohen Völkern Versuche, die darauf abzielen die Übertragung der Kuhpocken zu einem Heilmittel gegen die damals zu einer schlimmen Geißel des Menschengeschlechtes herangewachsene Blatternkrankheit zu machen. Sie fanden eine Zusammenfassung und Fortentwicklung zu einer geschlossenen Heilmethode seit dem Jahre 1798 durch den Engländer Edward Jenner, der sie erfolgreich in die medizinische Praxis einzuführen wußte. Die Kochsche Tuberkulinbehandlung beruht auf dem gleichen, wenn auch geläuterten Grundsatze der Einführung eines für den Menschen unschädlicheren Giftes in den Kreislauf, um damit einer gefährlichen Krankheit vorzubeugen, oder sie nachhaltig zu bekämpfen. Wenn aber auch die von Koch gewählte Form sich nicht bewährt hat, so ist doch der zugrunde liegende Gedanke so zwingend, daß die Versuche, ihn für solche ansteckende Krankheiten, deren Erreger entdeckt worden waren, zu verwerten, niemals aufgehört und vielfach die schönsten Früchte hervorgebracht haben, freilich zum Teil auf wesentlich anderen Wegen, als sie die Tuberkulinforschung betreten hatte. Wie weit diese Bemühungen zur Erzielung einer wirksamen [Blutserumtherapie] auch der Chirurgie Nutzen und Förderung gebracht haben, soll zunächst besprochen werden.