Der Bazillus der Diphtherie, jener furchtbaren Kinderkrankheit, der bereits im Altertum zahllose Kinder umfangreicher Länderstrecken zum Opfer gefallen waren, wurde von Klebs schon vor 1883 mikroskopisch gesehen, von Löffler 1884 bakteriologisch festgestellt und eingehend beschrieben. An diese Entdeckung knüpften sich seit 1891 [Emil Behrings] Versuche einer Heilung diphtheriekranker Versuchstiere durch Einverleibung des Serums immun gewordener Tierkörper, die er zuerst mit Erich Wernicke zusammen unternahm. Aus den ersten Versuchen über die Anwendbarkeit einer solchen Serumbehandlung auf den Menschen ist das v. Behringsche [Diphtherieheilserum] hervorgegangen, welches eine der großartigsten Entdeckungen aller Zeiten auf dem Gebiete der Krankheitsheilungen darstellt. Auch die Chirurgie hat aus ihr ungeahnte Vorteile gezogen; denn die schweren Fälle des schrecklichen Leidens, welches seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum Hekatomben von kindlichen Opfern forderte, waren dem Messer des Chirurgen anheimgefallen, um den drohenden Erstickungstod durch einen rechtzeitigen Luftröhrenschnitt zu bekämpfen. In der Tat gelang es auf diese Weise, je nach der Schwere und den besonderen Eigentümlichkeiten der verschiedenen Endemien, 25–50 v. H. der Operierten und selbst darüber hinaus am Leben zu erhalten; aber in den siebziger und achtziger Jahren schien die Bösartigkeit des Leidens und damit die allgemeine Sterblichkeit sich noch immerfort zu steigern.

Diesen überaus traurigen und beängstigenden Zuständen hat Emil v. Behrings Diphtherieheilserum ein Ende gemacht. Freilich ist das neue Heilmittel, da die ärztliche Welt kurz zuvor die große Enttäuschung mit dem Tuberkulin erlebt hatte, ohne lebhaften Widerstand und heftige Erörterungen nicht aufgenommen worden; auch hat der unausrottbare Optimismus des menschlichen Geschlechtes, welches in jedem neuen Heilmittel sofort ein Allheilmittel zu erblicken sich anschickt, manche Enttäuschung herbeigeführt. Trotzdem ist das v. Behringsche Serum in wenigen Jahren zu einer starken und schneidigen Waffe gegen eine der verderblichsten Krankheiten geworden. Die Erkrankungsziffer ist, wahrscheinlich allerdings nicht ausschließlich unter dem Einflüsse der Heilserumbehandlung, erheblich heruntergegangen, die schweren Fälle mit ausgiebigen Zerstörungen der Weichteile sind fast verschwunden, weil zurzeit fast jeder Erkrankungsfall von dem behandelnden Arzte schon im ersten Beginn mit einer Einspritzung versehen wird, die allgemeine Sterblichkeit ist stark gesunken und die der Operation unterworfenen Fälle zeigen einen Verlust von höchstens noch 30 v. H., so daß die Operationsstatistik seit jener Zeit sich um etwa 40 v. H. gebessert hat. Krankenhäuser und Kliniken sind von der niederdrückenden Behandlung diphtherischer Kinder erheblich entlastet worden und der Wundarzt sieht die Erfolge seiner Operationen nicht mehr durch die langen Zahlenreihen der Todesfälle nach Tracheotomien entstellt.

Noch einen zweiten großen und unvergeßlichen Dienst hat Emil v. Behring der leidenden Menschheit durch Erfindung seines Heilserums gegen Wundstarrkrampf geleistet. Zur Bekämpfung der Wirkungen des im Jahre 1884 von Nicolaier entdeckten und im Jahre 1889 von dem Japaner Kitasato in Reinkultur gezüchteten Tetanusbazillus stellte v. Behring im Jahre 1895 nach den gleichen Grundsätzen wie beim Diphtherieheilserum ein Tetanusantitoxin dar, welches bei dieser zwar nicht eben häufigen, aber um so furchtbareren Krankheit seitdem allgemeine Anwendung gefunden hat. Wenn auch das Mittel in vorgeschrittenen Fällen keineswegs imstande ist unter allen Umständen den tödlichen Ausgang zu verhindern, so gewinnt es doch an Sicherheit, je frühzeitiger die Einverleibung in das erkrankte Glied vorgenommen wird und scheint bei der auf [S. 14] bereits erwähnten prophylaktischen Einspritzung einen fast vollkommenen Schutz gegen den Ausbruch der Krankheit zu gewähren.

Die auf fast alle, durch bekannte Mikrobien hervorgerufenen Krankheiten ausgedehnte Serumbehandlung kann hier nur so weit berührt werden, als chirurgische Leiden in Betracht kommen. Für diese stehen im Vordergrunde der Wichtigkeit die verschiedenen, in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern hergestellten Streptokokkensera von etwas anderer Zusammensetzung, als die vorgenannten. Indessen ist das ganze Verfahren noch so wenig ausgebaut, daß von einer sicheren Heilwirkung noch nicht gesprochen werden kann. Immerhin wird man schon jetzt sagen dürfen, daß die Serumbehandlung, wie sie der Chirurgie schon bisher glänzende Erfolge eingebracht hat, ihr auch für die Zukunft noch manche beachtenswerte Förderung in Aussicht stellt.

Für einige, durch pflanzliche Schmarotzer hervorgerufene Krankheiten, wie [Lepra] und Aktinomykose, deren Erreger, der Leprabazillus, im Jahre 1884 von dem Norweger Armauer Hansen und der Strahlenpilz, zuerst von Bernhard Langenbeck gesehen, im Jahre 1877 von Bollinger in München genau beschrieben wurden, ist ein Heilmittel bisher noch nicht aufgefunden worden, soweit nicht chirurgische Eingriffe möglich sind.

Eine besondere Stellung nimmt die [Syphilis] ein, deren Erreger erst nach langer, von zahlreichen Forschern aufgebotener Mühe Schaudinn und Hoffmann im Jahre 1905 in einer Spirille, der Spirochaeta pallida, entdeckten und damit ihre ätiologische Selbständigkeit gegenüber den beiden anderen Geschlechtskrankheiten, dem weichen Schanker und dem Tripper, feststellten. Wenn auch diese drei Leiden, wenigstens in ihren ersten Anfängen, längst von der Chirurgie spezialistisch gesondert worden sind, so haben sie doch in ihrem weiteren Verlaufe so viele Berührungspunkte mit ihr, daß sie in einer Geschichte der Chirurgie nicht übergangen werden dürfen. So ist es denn auch für diese von hoher Bedeutung geworden, daß durch Paul Ehrlichs chemotherapeutische Untersuchungen ein zwar altes Mittel, das Arsen, aber in neuer Form als Salvarsan (Ehrlich 606), d. h. ein organisches Arsenpräparat, in Form von Einspritzungen in die Behandlung eingeführt wurde. Das Mittel hat sich als außerordentlich wirksam, zugleich aber als gefährlich erwiesen, indem es doch auch mehrfach Todesfälle veranlaßt zu haben scheint. Ob es möglich sein wird, durch Abänderung des Verfahrens diese zu beseitigen, oder wenigstens einzuschränken, ist gegenwärtig noch nicht zu beurteilen; doch ist wenigstens an der Wirksamkeit des Mittels ein Zweifel nicht mehr möglich.

Der Erreger der Gonorrhoe, der Gonokokkus, wurde 1879 von Albert Neißer in Breslau, der Erreger des weichen Schankers, der Streptobacillus ulceris mollis, 1889 von dem Franzosen Ducrey und etwas später, aber unabhängig von diesem, von den Deutschen Krefting und Unna entdeckt. Die Feststellung der Entstehungsart dieser Leiden hat deren Behandlung wesentlich wirksamer und sachgemäßer gemacht, als dies jemals vorher der Fall gewesen war, zugleich aber auch der seit Jahrhunderten dauernden Verwirrung über Wesen und Zusammengehörigkeit der Geschlechtskrankheiten glücklich ein Ende gemacht.


Eine für die Chirurgie ungemein wichtige Krankheit, die durch Einwanderung der Zwischenform einer Bandwurmart, der Taenia echinococcus, in den menschlichen Körper hervorgerufene Echinokokkenkrankheit hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige und wirksame Bekämpfung gefunden. Seitdem durch den Berliner Peter Simon Pallas im Jahre 1760 die schon dem Altertume bekannten großen Blasen bei Ochsen und Schafen als tierische Schmarotzer erkannt, und von Bremser in Wien 1821 auch beim Menschen bestätigt worden waren, haben sich zahlreiche, vorwiegend deutsche Forscher, unter denen Küchenmeister, Heller und Leuckart zu nennen sind, mit der Aufklärung des Lebensganges des [Hülsenwurmes], eine große Anzahl von Ärzten mit der klinischen Seite des Leidens beschäftigt. Die Behandlung blieb aber höchst unvollkommen, selbst nachdem in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die operative Bekämpfung des Wurmleidens ihren Anfang genommen hatte. Erst die Antisepsis schuf auch hier Wandel, so daß ohne große Gefahren die operative Beseitigung der Blasen fast an allen Körperteilen hat in Angriff genommen werden können. Zu den erfolgreichsten Schriftstellern auf diesem Gebiete gehört Otto Madelung, 1885. Seitdem zählt die Ausräumung der gefährlichen Wurmhülsen zu den dankbarsten Aufgaben des Wundarztes.