Die bisher besprochenen Verwundungs- und Erkrankungsgruppen haben das Gemeinsame, daß bei ihnen der Nachweis der letzten Ursachen der Leiden zu einer höchst erfolgreichen, den Entstehungsbedingungen angepaßten Abänderung der Behandlungsweise geführt hat. Anders liegt die Sache mit einer letzten, höchst bedeutungsvollen Sippe pathologischer Veränderungen, den [bösartigen Neubildungen], unter denen die Krebse und Sarkome wegen ihrer verhängnisvollen Einwirkung auf den menschlichen Körper an Wichtigkeit allen übrigen voranstehen.
Schon seit dem Beginne bakteriologischer und tierisch-parasitärer Forschungen hat sich immer von neuem der Gedanke aufgedrängt, daß die Ursache des Krebses in der Einwanderung pflanzlicher oder tierischer Schmarotzer in den Körper gesucht werden müsse. Indessen darf heute gesagt werden, daß diese Vorstellungen fast vollkommen Schiffbruch erlitten haben, indem alle Anstrengungen, ihre Wirklichkeit zu beweisen, gänzlich ergebnislos gewesen sind. So ist denn bis zum heutigen Tage, obwohl die pathologische Anatomie alles getan hat, um den feineren Aufbau, die Wachstumsverhältnisse und die biologischen Eigenschaften der bösartigen Neubildungen bis auf die letzte Einzelheit zu klären, das eigentliche Wesen des Krebses, soweit seine Entstehung in Frage kommt, noch fast so unbekannt, wie vor 2000 Jahren, als man ihn als einen dem Körper fremden Parasiten ansah. Gemeinsam ist in den Anschauungen der neuesten Zeit nur die Betrachtung des Krebses vom ätiologischen Standpunkte aus; aber darüber hinaus scheiden sich die Wege mit voller Entschiedenheit. Man braucht nur die Auffassungen zweier Forscher, wie Ribbert und v. Hansemann, miteinander zu vergleichen, um darüber nicht im Zweifel zu bleiben.
Selbstverständlich kann an dieser Stelle auf die schwebenden Streitfragen nicht eingegangen werden. Es genüge daher zu bemerken, daß die Behandlung bösartiger Geschwülste davon bisher keinen bemerkenswerten Nutzen gezogen hat. Aus eigener praktischer Erfahrung heraus waren die Chirurgen schon seit Jahrzehnten zu dem Schluß gekommen, daß eine möglichst frühzeitige und möglichst ausgedehnte Ausschälung der wachsenden Geschwulst, wie sie insbesondere durch die schöne Arbeit Lothar Heidenhains vom Jahre 1889 für den Brustkrebs festgelegt worden ist, die sicherste und am meisten vor Rückfällen schützende Behandlung darstelle. Diese Anschauung ist von der pathologischen Anatomie in vollem Umfange bestätigt und von der biologisch-therapeutischen Forschung nicht erschüttert worden. So ist zurzeit noch alles Heil der von Krebs befallenen Unglücklichen an das rechtzeitig und geschickt geführte Messer gebunden; und die damit erzielten Ergebnisse sind wahrlich beachtenswert genug, da selbst bei einer so gefährlichen Form, wie dem Brustkrebse, 30–40 v. H. Dauerheilungen durch sorgfältige statistische Untersuchungen und Nachforschungen festgestellt wurden.
Dementsprechend kann vorläufig kein gewissenhafter Wundarzt die Verantwortung übernehmen, einem Kranken mit beginnender bösartiger Neubildung eine andere Behandlung als die der blutigen Operation zu empfehlen; denn weder die Durchleuchtung, noch die Behandlung mit Radium oder Mesothorium haben bisher verhältnismäßig gleich sichere Ergebnisse geliefert wie das Messer. Auch die von Ehrlich in den letzten Jahren eingeleiteten Immunisierungsversuche haben vorläufig noch keine verwertbaren Erfolge gezeitigt. Immerhin ist die Hoffnung nicht ausgeschlossen, daß auf dem einen oder anderen dieser Wege der Schutz zu haben sein wird, durch welchen dereinst eine der furchtbarsten Geißeln des menschlichen Geschlechtes erfolgreich bekämpft werden kann.
[1] Buchholtz, Ernst v. Bergmann. Leipzig 1911. — Die Angaben über die Ereignisse, wie sie oben geschildert worden sind, beruhen zum Teil auf mündlichen Mitteilungen v. Bergmanns an den Verfasser.
[Fünfter Abschnitt.]
Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.
Die Wandlung der Anschauungen, welche sich unter der sicheren Hut der antiseptischen und aseptischen Wundbehandlung vollzog, hat auch zu einem völligen Umsturz der Behandlung in den Organgruppen und den einzelnen Organen geführt. Die Chirurgie trat einen Siegeszug an, der ohnegleichen in ihrer langen Geschichte ist, der vor keinem Hindernis Halt machte und eine große Anzahl von Krankheiten in ihren Bereich zog, an deren Zugehörigkeit zur inneren Medizin bisher kaum ein leiser Zweifel sich geltend gemacht hatte. So gibt es denn fast keinen Punkt mehr des menschlichen Körpers, den nicht chirurgische Werkzeuge am lebenden Menschen zu erreichen und unmittelbar oder mittelbar zu beeinflussen versucht hätten; und auf diese Weise vollzog sich eine Verschiebung der Örtlichkeit chirurgischer Erkrankungen, die der heutigen Chirurgie einen von dem vor einem halben Jahrhundert eingenommenen Standpunkte gänzlich verschiedenen Inhalt gegeben hat. Ihr Kennzeichen besteht darin, daß die meisten Lehrfächer der praktischen Medizin einen mehr oder weniger chirurgischen Anstrich bekommen haben.
Für die geschichtliche Besprechung können zwei Gruppen unterschieden werden: Krankheiten von Organen und Organsystemen, welche man bereits vor Einführung der Antisepsis sachgemäß zu behandeln begonnen hatte, bei denen also nur ein Ausbau und eine Vervollkommnung in Frage kam; und solche, bei denen chirurgische Einwirkungen erst durch die Listersche Behandlung möglich geworden sind. Sie bilden die glänzendste Seite der neuen Entwicklung der Wundarzneikunst.