Als eine Erscheinung eigener Art sind die von Richard v. Volkmann seit dem Jahre 1869 begründeten „Klinischen Vorträge“ anzusehen, in welchen das Ziel verfolgt wurde, den Fortschritten auf allen Gebieten der klinischen Medizin durch fortlaufende Veröffentlichungen von Vorträgen, wie sie dem jeweils neuesten Stande der Wissenschaft entsprechend in Kliniken und Vereinen gehalten waren, oder wenigstens sich der Form nach ihnen angliederten, Rechnung zu tragen. Der chirurgische Teil des Unternehmens wird noch heute von Otto Hildebrand geleitet.

Ähnlichen Gedankengängen paßt sich die von P. v. Bruns 1912 begründete „Neue deutsche Chirurgie“ an, von der diese Arbeit einen Teil bildet. Sie ist als Fortsetzung der „Deutschen Chirurgie“ gedacht und erscheint als eine zwanglose Sammlung von Einzelschriften, die allen Fortschritten unserer Wissenschaft Rechnung tragen sollen und die mit der Zeit eine wertvolle Fachbibliothek in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung werden dürfte. —

Eine etwas schwerflüssige und doch überaus wichtige Quelle der Belehrung bilden die klinischen Berichte aus Kliniken und Krankenhäusern. In deren älterer Form teilte der Berichterstatter nur mit, was ihm in seinen Erfahrungen besonders wichtig erschien, unter Auslassung alles dessen, was den Glanz seiner Tätigkeit zu verdunkeln geeignet war. Diese mehr oder weniger schön gefärbten Mitteilungen erfuhren durch Theodor Billroths rücksichtslose Wahrheitsliebe eine grundsätzliche Veränderung, indem er in den seit 1860 herausgegebenen Berichten über seine Kliniken in Zürich und später in Wien nicht nur das sogenannte Interessante besprach, dessen Begrenzung von jedem Leser in anderer Form vorgenommen wird, sondern einfach alles erwähnte, was er beobachtet hatte. Nur so war es möglich, einen klaren Überblick nicht allein über seine eigene Tätigkeit, sondern auch über die anderer Chirurgen zu gewinnen; und da es feststeht, daß eigene und fremde Fehler am meisten belehren, so hat Billroths Vorgehen eine nicht hoch genug zu schätzende Säule der chirurgischen Ethik geschaffen. Er fand bald Nachfolger, und heutigentags ist die Methode der unbedingten Wahrhaftigkeit so weit entwickelt, daß ein Berichterstatter es nur unter schweren Gefahren für Ruf und Ehre wagen dürfte, von ihren Grundsätzen abzuweichen. — Für das Studium von Einzelfragen bilden solche Berichte eine unschätzbare Grundlage.

Aus diesem Anschwellen der Literatur, welches einer geistigen Übererzeugung zuweilen bedenklich nahe kam, entwickelte sich nun ein neuer Literaturzweig mit der Aufgabe, die zerstreuten Arbeiten auf den einzelnen medizinischen Gebieten zu sammeln, zu ordnen und in Form einer kurzen, aber alles Wesentliche wiedergebenden Inhaltsangabe dem Leser darzubieten. Auf dem Gesamtgebiete der Medizin hatten Canstatts Jahresberichte bereits 25 Jahre lang dem Bedürfnis wissenschaftlich arbeitender Ärzte Rechnung zu tragen gesucht, als sie im Jahre 1866 durch die von Rudolf Virchow und August Hirsch herausgegebenen Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten Medizin ersetzt wurden. Aber für die auf Sondergebieten Belehrung suchenden Männer waren solche Übersichten auf der einen Seite zu umfassend, da sie das Auffinden bestimmter Arbeiten und die Erkenntnis ihres Zusammenhanges mit anderen ähnlichen erschwerten, auf der anderen Seite zu eng, da sie inhaltlich viel zu wenig boten.

Aus dem unabweislichen Bedürfnis heraus, dem Chirurgen seine literarischen Arbeiten zu erleichtern, schufen daher L. Lesser in Berlin, M. Schede in Halle und H. Tillmanns in Leipzig, unter dem Rate und der tätigen Beihilfe Richard v. Volkmanns, im Jahre 1874 das Zentralblatt für Chirurgie, dessen allwöchentlich erscheinende Hefte nicht nur mehr oder weniger schnelle Berichte über die chirurgische Weltliteratur, sondern auch gewöhnlich kurze Uraufsätze und sogar öffentliche Anfragen brachten. So ausgezeichnet sich das Unternehmen bewährt hat, so ist es doch im Jahre 1913 durch ein unter ständiger Aufsicht der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie stehendes Zentralblatt für die gesamte Chirurgie und ihre Grenzgebiete, dessen Schriftleitung L. Franz übernommen hat, nicht ersetzt, aber doch ergänzt worden. Das neue Blatt strebt nicht nur eine Vollständigkeit der Berichte aus der gesamten Weltliteratur, sondern auch deren denkbar schnellstes Erscheinen an.

Wie einst das Archiv für klinische Chirurgie, so hat auch das Zentralblatt für Chirurgie schnelle Nachahmung gefunden. Alle Nebenfächer der Wundarzneikunst, sogar die Grenzgebiete zwischen Medizin und Chirurgie haben ihr eigenes Zentralblatt erhalten, so daß eine eigene Literatur der Zentralblätter zustande gekommen ist. Daneben entwickelten sich noch weiterhin auf engere Gebiete beschränkte Jahresberichte, entweder über die ganze Chirurgie sich erstreckend, wie Otto Hildebrands seit 1895 erscheinender Jahresbericht der Chirurgie, oder zusammenfassende engere Berichte, wie die der Krankheiten des Urogenitalapparates seit 1906.

Das lebhafte Interesse, welches sich in diesen zahlreichen Gründungen und deren Gedeihen bekundet, hat die Arbeiten auf allen Gebieten der Chirurgie wesentlich erleichtert. Aber es ist nicht zu verkennen, daß diese Massenhaftigkeit der literarischen Neuschöpfungen doch auch ihre bedenkliche Seite hat. Die Anlegung einer chirurgischen Privatbücherei, welche alle wesentlichen Erscheinungen der neueren Literatur umfaßt, ist jetzt vom Gesichtspunkte des Raumes und der Kosten schon fast unmöglich geworden, selbst für einen Chirurgen mit eigenem Hause und großen Mitteln. Damit leidet aber die stille Gelehrtenstube früherer Zeiten; und der wundärztliche Schriftsteller, welcher öffentliche Büchereien in größerem Umfange zu benutzen gezwungen ist, verliert auch noch den letzten Rest der für die Sammlung der Gedanken so nötigen beschaulichen Ruhe, den ihm sein immer unruhiger und aufregender werdender Beruf eben noch gelassen hatte.

Trotz dieser etwas schwermütigen Betrachtung bietet auch das literarische Schaffen auf chirurgischem Gebiete in seiner Rührigkeit und seiner überquellenden Fruchtbarkeit ein überaus erfreuliches Bild dar.