Oft hört man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schießt man rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. „Jetzt sitzen sie drüben aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen.“ Auch wir ziehen fast jede Nacht Draht und haben häufig Verwundete. Dann fluchen wir auf diese gemeinen Schweine von Engländern.
Mitunter hört man auch ein pfeifendes, flatterndes Geräusch nach dumpfem Abschuß. „Achtung, Mitte!“ Man stürzt zum nächsten Stolleneingang und hält den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die Granaten. Sie haben überhaupt so etwas Reißendes, Hinterlistiges, etwas von persönlicher Gehässigkeit. Es sind heimtückische Wesen. Die Gewehrgranaten sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Ständen und verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschütze stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind.
Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, daß zwei Stunden verflossen sind. Nun rasch die Ablösung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren friedlichen Sorgen liest, während die Schatten der flatternden Kerze über das niedrige, rohe Gebälk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den gröbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine Decke über den Kopf, um für vier Stunden zu „röcheln“, wie der Fachausdruck lautet. Draußen knallen die Geschosse in eintöniger Wiederholung auf Deckung, eine Maus huscht über Gesicht und Hände, ohne meinen festen Schlaf zu stören. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den Unterstand erst vor einigen Tagen gründlich desinfiziert.
Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten. Während der letzten Wache kündet ein heller Strich hinter uns am östlichen Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schärfer; er macht im grauen Frühlicht einen Eindruck unsäglicher Öde. Eine Lerche steigt hoch; ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich. An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefühl einer großen Ernüchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Daß die letzten zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die Kochgeschirre der zurückkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr, die Nachtwache ist beendet.
Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr muß ich ja auch schon wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre Alleskönner, der Graben stellt täglich seine tausend Anforderungen an uns. Wir wühlen tiefe Stollen, bauen Unterstände und Betonklötze, bereiten Drahthindernisse vor, schaffen Entwässerungsanlagen, verschalen, stützen, nivellieren, erhöhen und schrägen ab, schütten Latrinen zu und so weiter.
Um ein Uhr wird das Mittagessen in großen Gefäßen, ehemaligen Milchkannen und Marmeladeeimern, aus der Küche, die in einen Keller Monchys eingebaut ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen. Allmählich kommen auch die beiden Stunden heran, die für den Grabendienst des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder Scherenfernrohr und kommt auch öfters zum Schuß aus der Fernrohrbüchse gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Engländer hat scharfe Augen und gute Gläser.
Ein Posten stürzt plötzlich blutüberströmt zusammen. Kopfschuß. Die Kameraden reißen ihm die Verbandpäckchen vom Rock und verbinden ihn. „Hat ja keen Zweck mehr, Willem.“ „Mensch, hei atmet doch noch!“ Dann kommen die Sanitäter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stößt hart gegen die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde über die rote Lache und jeder geht seiner Beschäftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er müht sich noch ab, die Zusammenhänge zu fassen. Das war ja so plötzlich, so furchtbar überraschend, ein unsäglich brutaler Überfall. Das kann ja gar nicht möglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf dich noch ganz andere Dinge . . .
Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmäßigem Interesse bei der Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschläge der eigenen Artillerie im feindlichen Graben. „Junge, der saß.“ „Donnerwetter, sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy!“ Gern schießen sie Gewehrgranaten und leichte Minen hinüber, sehr zum Mißvergnügen ängstlicher Gemüter. „Mensch, laß doch den Blödsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!“
Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemütlich. Oft muß der Fähnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es geht ganz förmlich zu: „Darf ich mir gestatten?“ „Danke gehorsamst!“ Eine schöne Eigenschaft des preußischen Offiziers, diese korrekte Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas Festes, Persönliches.
Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Gläser auf den wackligen Tisch. Das Gespräch wird vertraulicher. Merkwürdigerweise bildet auch hier der liebe Nächste einen willkommenen Gegenstand der Unterhaltung. Es hat sich sogar ein üppiger Grabenklatsch entwickelt, der bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer gründlichen Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gerücht hat im Nu die Zugführer-Unterstände sämtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum linken Flügel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz unschuldig daran.