„Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben Stunde Dienst!“ Draußen glänzen die Lehmwälle der Böschungen in den letzten Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue Tag des Schützengrabensoldaten hat begonnen.
Vom täglichen Stellungskampf.
So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichmaß, unterbrochen durch die kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schöne Stunde. Oft saß ich mit einem Gefühl behaglicher Geborgenheit am Tische meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwände an Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, während mein Bursche an dem winzigen Ofen beschäftigt war, der den Raum mit dem Geruch gerösteter Brotscheiben erfüllte. Welcher Grabenkämpfer kennt diese Stimmung nicht? Draußen am Postenstande stapften schwere, gleichmäßige Schritte, eintöniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging. Das abgestumpfte Ohr hörte kaum noch das nie erlöschende Gewehrfeuer, den kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die neben der Mündung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stückes der langen Front, in dem wir zu Hause waren, in dem wir längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band über die verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur Mittagsstunde mit betäubenden Gerüchen durchströmte, oder wenn die spukhafte Blässe des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saßen heiter an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbänken, wenn die laue Luft geschäftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir stürzten über Gebälk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit stählerner Keule auf die Gräben loskolbte und träger Qualm aus zerrissenen Lehmwänden kroch. Oft wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen, jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu dürfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals in den Nächten von Monchy niederschrieb.
7. 10. 1915. Stand in der Morgendämmerung neben dem Posten meiner Gruppe auf dem Schützenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgeschoß dem Mann die Feldmütze von vorn bis hinten aufriß, ohne ihn zu verletzen. Zur selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine Querschläger durch beide Beine, der andere Schuß durchs Ohr.
Am Vormittag erhielt der linke Flügelposten einen Schuß durch beide Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu allem Unglück kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Geschoß den Hinterkopf. Er starb augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschuß.
19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen, außerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flügel eine französische Leiche, die schon Monate alt sein mußte. — In der Nacht wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet.
30. 10. In der Nacht stürzten infolge starker Regenschauer sämtliche Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zähem Brei, der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige Trost war, daß es dem Engländer auch nicht besser ging, denn man sah, wie aus seinen Gräben eifrig Wasser geschöpft wurde. Da wir etwas erhöht liegen, pumpten wir ihm unseren Überfluß noch herunter. — Die herabstürzenden Grabenwände legten eine Reihe von Leichen aus den Kämpfen des vorigen Herbstes bloß.
21. 11. Ich führte eine Abteilung Schanzer von der „Feste Altenburg“ in den Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der Grabenwand stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer durch seinen Schädel schlug und ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem Engländer, der das tödliche Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfühlen.
24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren Kopfschuß. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde später durch Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen.
Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach dem in der Etappe der Division gelegenen Städtchen Q., das später eine so blutige Berühmtheit erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des Hinterlandes zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt, in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte.