Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von dem Ortskommandanten zu schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast unumschränkte Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und die Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich König von Q. und erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hände und ein donnerndes: „Es lebe der König“ begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Verstoß gegen die Etikette und seinen äußerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien fahren, um den Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich so würdig für den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, während deren sich sogar zwei Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig, sich in der Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu tun und wurde beim Besuche eines einsamen Ortes überrascht und gefangengenommen. Er mußte sich mit einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden Gewaltigen.
Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen und Vergehen wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals seine Auswüchse, wie die Grußpflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den Offizieren gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend und schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber schweren inneren Schäden.
Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere Linie, um mich beim Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der zweiten Kompagnie, die auch den Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte, erschrak ich über die Veränderung, die die Stellung während unserer vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit meterhohem Schlamm gefüllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung ein traurig plätscherndes Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich, schon bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs von Q. zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände waren eingestürzt und die Stollen versoffen. Wir mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen. Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehängten Zeltbahn wie eine Gießkanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser mit Eimern nach oben schaffen mußten.
Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den Stollen verließ, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit des Todes ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes angenommen. Die Besatzung beider Gräben war von dem furchtbaren Schlamm auf die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknöpfen usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so öden englischen Gräben entquoll, wirkte direkt verblüffend.
Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer Leute tot im Schlamm versinken ließ, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Gräben verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der englischen Sappe gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer zurück und brachten nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir verhandelten zunächst in englischer, dann etwas fließender in französischer Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten. Ich hielt ihm vor, daß einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf er antwortete, daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan hätte. „Il y a des cochons aussi chez vous!“ meinte er, als einige aus unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen. Wir erzählten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich möchte fast sagen, eine sportsmännische Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht.
Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung jedes Haßgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt.
Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten wir uns feierlich den Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem „Guten Abend“ seinerseits und einem „Au revoir!“ meinerseits gab ich trotz des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen sein Schutzschild ab, von dem drüben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen hätte.
Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der Sappe übersehen, da man sonst an dieser gefährlichen Stelle nicht einmal seinen Mützenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß dicht vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße Knochen aus blauen Uniformfetzen schimmerten.
Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schüsse auf die feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren über das freie Feld getragen wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben wurde. An den englischen Mützenschildern stellten wir an diesem Tage fest, daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenüberlag.
Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir mußten Pumpen im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit M. G.’s übertönt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten Zuges durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit einigen Schüssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich.