Am 28. 12. war ich Kommandant der „Feste Altenburg“. Es wurde an diesem Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet. Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftröhre zu Boden streckte.

Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren Nähe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren Holzfäller-Kommandos beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden und in lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände wurden abgeschrägt und vollkommen mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher, Sickerschächte und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder erträgliche Lebensverhältnisse bekamen.

Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen. Ein Schrapnell fuhr direkt vor die Füße meines ehemaligen Putzers von der 6. Kompagnie, des Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mußte.

In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine Kugelmine, die er gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver glatt abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung. Die Mine explodierte natürlich und brachte ihm über 50 Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der ständige Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er hatte dort eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt und beschäftigte sich damit, die Zünder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal einen großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran vorüberführte.

In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode wieder in Douchy angekommen. Ich saß am nächsten Morgen so recht in der Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank behaglich Kaffee, als plötzlich ein Ungetüm von Granate, der Auftakt zu einer schweren Ortsbeschießung, dicht vor meiner Tür krepierte und mir die Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im Keller, den auch die anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht hatten, um dort das Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne Mauer vom Garten getrennt war, drängte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals zusammen. Zwischen den zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen eine Reihe matter Abschüsse, denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren Eisenklötze folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden Explosionen endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster, Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, während in den Ställen die aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu winselte der Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob ihm ein Zahn gezogen werden sollte.

Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten uns wieder in die frische Luft begeben. Die verwüstete Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter Ameisenhaufen. Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der Mauer des Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbäume waren umgeknickt, und mitten im Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das Dach war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den halben Schornstein mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige handliche Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt und fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum großen Ärger der Betroffenen, zu denen ich übrigens nicht gehörte.

Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frühen Morgen schoß die eigene Artillerie einen Blindgänger in den Unterstand meiner rechten Flügelgruppe, der zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete später eine Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über den qualmenden Ofen durch die zerschmetterte Tür pressen, während der Blindgänger aus einer Ecke bösartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurückgezogen hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die Flankierungsbatterie tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten Kameraden entriß, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige K. im Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit verkrampften Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit gläsernen Augen gen Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den ersten Schüssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen. Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang gegenüberliegende Grabenwand schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf, als er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen schnellen, unvermuteten Tod.

Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen überhaupt sehr rege. Ungefähr stündlich gab sie eine einzige, überraschende Salve ab, deren Sprengstücke genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie höchstens 1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke stehen mußte, war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen zu bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in der Vermehrung und Erhöhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf kleine Grabenstücke zu beschränken.

Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde trocken, und der Graben war sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar gemütliche Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande vor meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagnieführer 4 Offiziere und führten ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen zu Abend, oft bei einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine landsknechtsmäßige Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie waren auch nur in dieser langen und verhältnismäßig ruhigen Stellungsperiode möglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe friedensmäßige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so daß wir bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flügel unserer Züge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer Stollengang von mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war. Diese Anlage war während der späteren Kämpfe von hohem Wert.

Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmäßig die Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte, während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände, Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein, den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich mit aller Energie für die Verteidigung meiner 200 Meter Schützengraben und für das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.