Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren rechten Nachbarabschnitt, tötete drei Mann und verwundete drei andere schwer. — Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen Granatsplitter, der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug. — Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel durch Kopfschuß schwer verwundet. — Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch Kopfschuß. Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit einigen Leuten den Graben, konnte jedoch nichts feststellen.
Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch Gewehrgeschoßsplitter am Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr häufig. Am Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch die Öffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stören zu können.
Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem tollkühnen Engländer, dessen Kopf über den Rand eines höchstens 100 Meter entfernten Grabens schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere Schießscharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter unbedeutend am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem wir auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte ein Geschoß am Gewehre des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte; ein weiterer zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die Genugtuung, daß unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf schoß ich mit drei Schuß K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate Bursche immer wieder aufgetaucht war, über den Haufen.
Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht über unsere Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte aus den Unterständen und eröffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden Leutnant Sievers: „Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam wird!“ als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir in den nächsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter, noch dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf bekamen wir noch etliche Schrapnellminen, die über unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde durch einen nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen Wurfminen, denn es war stillschweigende Übereinkunft der Infanterie, sich auf das Gewehr zu beschränken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2 : 1 erwidert. Leider hatte der Gegner meist so reichliche Munition, daß uns zuerst der Atem ausging.
Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers’ Unterstande einige Flaschen Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen Mondscheins über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald verlor ich die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hörte im nahen feindlichen Graben die Engländer arbeiten. Nachdem ich durch zwei Handgranaten sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen bestehenden Fußangeln stürzte. Es herrschte in diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen Leuten angeschossen, weil er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte. Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein selbständiges Schützenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich verschossen hatte, hereingezogen und gehörig verprügelt.
Der Auftakt zur Somme-Offensive.
Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand. Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy, den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, „um wieder mal Frauen mit Hüten zu sehen“. — Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte.
Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns auch nach der Rückkehr zum Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden.
Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt wäre und kletterte mit dem Fähnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder um 11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste Strecke gebückt vor und krochen dann nebeneinander über das dicht bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir ins Gedächtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes Rascheln zu vermeiden, da sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde.
Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten zwischen den Gräben dahin. Während wir uns bereitmachten, auf sie loszustürzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene Leute unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor.