Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um meinen Arm: „Achtung rechts, ganz nahe, leise, leise!“ Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah ich die Lage. Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind hatte uns gehört und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu untersuchen.

Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näher kommende Rauschen der fremden Füße im hohen Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke an, — es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise; man muß sich zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate. Der Zusammenprall muß kurz und mörderisch werden. Man zittert unter zwei gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen, entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet.

Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flüstern wehte herüber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches biß.

Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im Auge behaltend, zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen den Parteien gestanden hatte, entglitt mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem Abschnitt angekommen waren.

Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nächsten Abend wieder loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt, als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe meines Unterstandes hochgeschreckt wurde. Die Engländer schickten Kugelminen herüber, die trotz dem geringen Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß ihre Splitter die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich von meinem „coucher“ und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige Laufbahn antreten sah, mit dem Geschrei: „Mine links“ zum nächsten Stollen zu sausen. Mit Minen aller Größen und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gängen durch den Graben immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang zu richten.

In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den Gräben herum. Wir robbten uns auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Engländer, die eine Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und führten im Hauchton eine hastige Unterhaltung: „Jetzt ’ne Handgranate dazwischen und dann auf ihn!“ „Mensch, das sind vier Mann!“ „Hei hett de Böx all wedder gestrichen vull!“ „Quatsch doch nich!“ „Leise, leise!“ Meine Warnung kam zu spät; als ich hochsah, krochen die Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwül. Der Gedanke: „Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung“ verursachte mir einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche Befürchtungen. Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf dem Bauche nach rückwärts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel, Geflüster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel. Ringsumher wurde es taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man möchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus nächster Entfernung abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha! Wir sind entdeckt!

Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu, sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung zu. Nach einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich für erledigt haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich fest an den Boden, zog Kopf und Beine ein und ließ die Geschosse durch das hohe Gras über mich hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen der herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten. Allmählich wurde das Schießen schwächer, und nach einer weiteren Viertelstunde verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße und Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wußte weder wo die englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die charakteristische Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen Seite mit geradezu beängstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert ins Gras und beschloß, die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab als vorsichtiger Mann zunächst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen ich ebenso gut ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu meiner Freude stellte sich jedoch heraus, daß ich meine Leute vor mir hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf zurückzutragen. Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und freuten uns über unser glückliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in unseren Graben zurück, den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten.

Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich mich wunderte, ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den Nachtschlaf raubte. Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lächerlich kleinen Unterstand, den er „Villa Leberecht Hühnchen“ getauft hatte.

Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen dumpfen Abschuß, der indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe von einer großen Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war, fuhr wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich dreimal zu überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor Lachen Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen beklagen hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er gestern gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine ankam. Erstlich wäre sein ganzes Essen versandet gewesen und er außerdem schon gestern recht empfindlich die Treppe hinuntergefallen.

Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand, sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frühen Morgen an wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen mit Minen beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Gräben unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung der schweren Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir auf dem von der Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich die Engländer durchaus nicht stören ließen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach reiflicher Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: „Helene spuckt in unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und kleine!“ Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithörenden Gegner nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die tröstliche Antwort, daß sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen würde, und gleich darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhörtem Krachen in den feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß wir für den Rest des Tages Ruhe hatten.