Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schärferer Weise. Beim ersten Schuß begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten das Feuer in der Weise, daß wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir ungefähr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen einige Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Tätigkeit unterbrechen zu können, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie möglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck warf mich über ein Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm gefülltes Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen auf mich herabrasselte. Halb betäubt und übel zugerichtet erhob ich mich. Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und Uniform mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete aus einer langen Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich ich durch den Graben in meinen Unterstand, um mich auszuruhen.
Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen Schaden angerichtet. Der Graben war an einigen Stellen zerstört, ein Priester-Minenwerfer zerschmettert, und „Villa Leberecht Hühnchen“ hatte durch einen Volltreffer den Rest bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im Stollen gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten Treppensturz vollführt.
Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen weiter und wurde in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die „Waschkorb-Minen“, da es manchmal den Eindruck machte, als würden sie mit Körben vom Himmel geschüttet.
Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen, bereit, jeden Ankömmling mit Gewehr und Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich auf ihren Ständen Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachließ, bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen hervorstürzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte den Feind von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher Füsiliere.
Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein anderer wurde am Rücken verwundet.
Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten uns zahlreiche Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde während dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von Unterständen eingedrückt.
Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich wach zu bleiben, und verabredeten, daß derjenige, der auf den Zuruf „Hallo“ nicht seinen Namen riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzüglich verständigen zu können.
Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerüberfall um 2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an den nassen, schimmligen Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm, Erde bröckelte von der Decke. Wumm! „Donnerwetter!“ „Streichholz, Streichholz!“ „Alles fertigmachen!“ Das Herz schlug bis zum Halse. Fliegende Hände lösten die Kapseln der Handgranaten. „Das war die letzte!“ „Rrraus!“ Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch eine Mine mit verzögerter Zündung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurück. Trotzdem waren, während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten, schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das mit dichten Rauchschwaden behängte Vorgelände.
Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der Füsilier N. fiel plötzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling untersuchten, fanden wir eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende Öffnung über der rechten Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jähe Sturz seinen Tod herbeigeführt hatte.
Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelöst. Mit jener eigentümlichen Mißstimmung, die eine in der Morgensonne strahlende Landschaft auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt, zogen wir durch die Laufgräben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die Frontabschnitte links von uns waren in weiße und schwarze Rauchwolken gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen; darüber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells.