Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Höllenspektakel los. Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und ununterbrochen stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von feurigen Funken hinter sich her. Überall, wo im Trümmergewirr eine Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: „Gasangriff!“ „Gasangriff!“
Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche Gaswand durch das Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte, zündeten wir vor den Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu reinigen.
Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt, Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen, grünen Patina überzogen. Auch in dem weit zurückliegenden Douchy machte sich die Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde, versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter zurückliegende Ortschaften transportiert.
Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein englischer Überläufer ausgesagt hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde. Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer aus dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde Ruf „Gasangriff!“ erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch in der Luft, und im Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.
Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben 6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem gefangenen Engländer begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph empfangen und erzählte folgendes:
Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und anschließend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie gewöhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei über 30 Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der bereits das Hindernis überwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel gepackt und mit einem „Come here, you son of a bitch!“ in Empfang genommen. Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern und Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze ein. Auch vom Abschnitt Süd kamen viele Verwundete, denn im Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende Menschen mit weißen, blutdurchtränkten Verbänden lagen, waren vor einigen Wellblechbögen aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete.
Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: „Ich bin zu schwer . . . ich werde nicht wieder . . . ich — muß — sterben.“ Ein dicker Sanitäts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male ein tröstendes: „Nun, nun, Kamerad!“
Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der hauptsächlich Kräfte von uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche Minenüberfälle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein, dazu verwundeter Gefangener in die Hände, während er zahlreiche Tote vor unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren allerdings auch beträchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage über 40 Tote, darunter drei Offiziere.
Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für einige Tage nach unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glücklichen Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.
Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsärge wurden nach einer ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den Text: „Sie haben einen guten Kampf gekämpft,“ und begann mit den Worten: „Gibraltar, das ist Euer Zeichen und fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im brandenden Meer!“[2]