In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern.

Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schätzen, mit denen zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte.

In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verläßlich, einfach und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder bis zum letzten zur Stelle. —

Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn. Es war verhältnismäßig ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, daß noch etwas in der Luft liegen mußte. Bei der Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und Sprengungen, an einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung war bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelöst, ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in Monchy.

Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein 24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und jammernd hin- und herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben, einen immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich ihm meine zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Häufchen Unglück hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu und sog an seinem Einsatz.

Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. — Am 15. und 17. hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst und hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen. Eine überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung durch den Major von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von überwältigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte, auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war. Eine Granate tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte.

Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille. Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brächte. Am Nachmittag kam der mich ablösende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen mit. Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht hatte, kletterte ich in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während Brauns mir ein „Hals- und Bauchschuß!“ nachrief.

Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht. Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung für wichtig und beauftragte Wohlgemut, ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während er sich in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Engländer tauchten auf und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten wahrzunehmen.

Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast unhörbar: „Wohlgemut, Handgranate dazwischen!“ „Herr Leutnant, ich glaube, wir lassen sie noch etwas arbeiten!“ „Direkter Befehl, Fähnrich!“

Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut, um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern, liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente höchster Spannung. „Krrrach!“ Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten. Mit dem Angriffsgebrüll: „You are prisoners!“ stürzten wir uns wie Tiger in die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit quäkendem Aufschrei rücklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte Wohlgemut seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner Erregung blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte.