Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen. Ich stand schreiend vor einem Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken in den Stacheldraht preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel zurück, ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein. Wir sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich das Versagen als ein Glück, denn es war Birkner, den ich schon längst zurück glaubte.
Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht pfiffen die Geschosse schon so, daß ich in einen wassergefüllten, drahtversponnenen Minentrichter springen mußte. Auf schwingendem Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter in die Böschung des Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt hatte, arbeitete ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich über den glücklichen Ausgang und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene auch diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven gegangen war, merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd auf einer Pritsche lag und trotz der Erschöpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten Morgen konnte ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels geschleuderten Handgranate steckte.
Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen.
Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor dem Dorfe Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann mit drei Schuß zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes Gesicht gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S. der Mantel eines Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer häufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen und an den gefährlichsten Stellen neue Mauern zu errichten.
Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male während des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: „Sofort zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai.“ Drei Stunden später saß ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an mir vorüber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm. Ein strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich draußen noch lange denken mußte.
Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straßen infolge des Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre später von uns wieder erstürmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte.
Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas Stärkerem den Kaffee, den uns zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir wußten, daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem Gelärm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre Freude gehabt hätten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben.
[2] Vgl. Anmerkung auf [Seite V.]
Guillemont.
Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelächter von einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen Wiese die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte. Vor uns rollte und donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Stärke, tausend zuckende Blitze hüllten den westlichen Horizont in ein glühendes Flammenmeer. Fortwährend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden Geschützen oder Munitionskolonnen in den Straßengraben gedrückt.