Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berühmte Städtchen Combles zu führen, wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten. Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung von tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege, von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst, vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lärm der Front begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurückgeblieben als eine große und männliche Gleichgültigkeit.

„Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie nicht. Jeder weiß, daß es auf Leben und Tod geht.“

Mit solchen Leuten kann man kämpfen.

Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein weißes Band über das dunkle Gelände spannte, dem Kanonendonner entgegen, dessen verschlingendes Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders das Passieren von Frégicourt-Ferme, einer kleinen Häusergruppe vor dem Friedhof von Combles, die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.

Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, völlig zerschossen. Große Mengen von Holz zwischen den Trümmern und auf den Weg geschleudertes Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen Datums sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier, ein großes, von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen den Keller einer gegenüberliegenden Ruine bezogen.

Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken zusammengesuchten Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung, die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.

Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches Etappenstädtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so daß die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen über dem Chaos schwebten. Aus vielen Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste Feuerüberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern ihrer Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustür lag ein totes kleines Mädchen in einer roten Lache.

Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten Kirche gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Höhlenganges mit eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der kämpfenden Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei Beginn der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt hätten, den sie während der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten.

Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in Schlangenlinien durch und über gewaltige Hügel von Balken und Mauerwerk wanden. In zerwühlten Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen.

Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus den im Überfluß vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natürlich durch einen kräftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl. Aus umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem Brauereibesitzer Lesage gehörte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schränke und Kommoden, ein umgestürzter Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An den Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher, Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke, Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln gerissene Türen, Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums, zerschmetterte Kisten, Damenhüte, Blumentöpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult.