Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das von Granaten zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den das Geäst zerfetzter Linden bedeckte. Dieser Komplex von Eindrücken wurde noch verfinstert durch das unaufhörliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lärm. Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige der Bäume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die Schiefertafeln herabrollten.

Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Stärke, daß nur noch das Gefühl eines ungeheuren Getöses verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser in Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem noch die Häuser ins Schwanken brachten. Wir saßen während der ganzen Zeit in unserem Keller auf seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen. Die Witzworte wurden immer seltener, und endlich ließ die Nervenanstrengung auch den Verwegensten verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.

Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte, der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel.

Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzählige Granaten kreuzten sich heulend und fauchend über uns. Alles war in dichten Rauch gehüllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde. Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde tobsüchtig.

Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich und ging in ein ruhiges Trommelfeuer über, in dem man allerdings den einzelnen Abschuß auch noch nicht wahrnehmen konnte.

Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Züge auf den Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen Zügen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers ausgeschieden. Diese Leute umdrängten uns, während wir uns unter hastigen Zurufen an dem gefährlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr voll Butter auf, drückte mir zum Abschied die Hand und wünschte uns viel Glück.

Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am Ortsausgang merkte unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile zerschossenen, weißen Band entlang über freies Feld. Oft mußten wir gerade an den übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten, sich hinzulegen.

Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.) barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedränge nervöser und aufgeregter Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant Vogel und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere Böschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, während Todesschauer über unseren Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder.

Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um die letzte Kraftanspannung aus ihren erschöpften Körpern zu pumpen. Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet, durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß auf die weichen, nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden getreten zu werden.

Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine Schmidt, Begleiter auf mancher gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln. Ich riß ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte.