Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten, da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf, sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am Halse getroffen.
Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte gestattete.
Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300 Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte eiligst das Feld, um mich nicht „antöten“ zu lassen, wie der damals gerade übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.
Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war.
Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen, dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und brach beim Aufsturze sämtliche Knochen.
An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber. Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.
Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den Fernspruch: „67 von 5 a. m.“, was nach unserem Zifferncode „von 5 Uhr vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft“ bedeutete.
Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.
Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und meldete: „Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!“ Da ich im Haus Nr. 11 zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen Leuten zu Hilfe.
Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen, beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben. Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen, während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.