Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen mit den Worten: „Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein Zweck!“ zur Ruhe verwiesen.
Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: „Beiß die Zähne zusammen, Kamerad!“ schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum Sanitätsunterstand.
In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.
Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke. Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See; ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der zusammenstürzenden benachbarten Häuser.
Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon auf: „Brigade will sofort Klarheit über die Lage.“ Nach einer Stunde brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: „Feind besetzte Arleux, Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine Nachricht. Rocholl, Hauptmann.“
Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.
Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen die Mauern klappten.
Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück, während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der Unsicherheit unseres Asyles überzeugten.
Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen zurückzuziehen.
Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an, den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange, sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf und war von diesem Augenblick an verschwunden.