Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag getroffen wurde.
Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn- und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend, Unterstützungstrupps nach vorn.
In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen, Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt an dieser wirbelnden Vernichtung.
Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben, Ablösungskommandos und den unvermeidlichen „Versprengten“ bevölkert. Der starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute. Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden verbogen, in alle Winde geschleudert.
Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière, den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau dieselbe Verletzung.
Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25 meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten Bataillons, ab. Das Kalkwerk „Chez-bon-temps“ mit seinen schweren Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach:
Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht,
Zu besserm Ding als sich zu schlagen.
In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten. Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß wir am nächsten Morgen „in alter Frische“ erwachten.
Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten. Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.