Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art taktische Fehler begehen.

Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache zurück.

Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie. Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß: Jetzt ist etwas los!

Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: „Herr Leutnant, es gehen 70 Engländer gegen den Waldrand vor!“

Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein leises: „Wer da?“ Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln versuchte.

Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren, deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam ich zur Antwort: „Ich bin Krankenträger.“ Der Mann hatte sein Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer Disziplin, ließ ich antreten.

Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns liegenden Hügels zu gewinnen.

Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes, der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war. Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.

Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: „Die Engländer!“

Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des Offiziers am rechten Flügel.