Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen. Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.

An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen, sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe Patronen enthielt.

Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.

In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte. Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen Leben erwacht schienen.

Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.

Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.

Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.

Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.

Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los. Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast am Kragen gepackt hätte.

Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.