Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer mitgenommen hatte.
Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.
Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr auch nicht.
Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst wurden, hatte das Geplänkel ein Ende.
Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.
Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig verloren.
Langemarck.
Cambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des Artois, an dessen Namen sich manche historische Erinnerung knüpft. Enge, altertümliche Gassen schlingen sich um das mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele Kirchen. Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers Blériot ziert.
Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den großen, einfach aussehenden und reich ausgestatteten Häusern ein behagliches Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend. Das Städtchen führt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre.
Der große Krieg riß das stille Nest brutal aus seinem Dornröschenschlummer und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges, neues Leben rasselte über das holperige Pflaster und klirrte gegen die kleinen Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen sich in die mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem Wechsel die beschauliche Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken und Haustüren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermären und sicherste Nachrichten über den baldigen Endsieg der Landsleute zuraunend.