Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm während unserer Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine Unterhaltungen aus den Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische Abenteuer waren an der Tagesordnung.
Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den großen Platz bei dem später berühmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps übertragen.
Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen meine Wirte, das freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natürlich die schwer zu beantwortende Frage erörtert, warum die Menschen Krieg führen müßten.
Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwänke der allzeit müßigen und witzigen Bürger Cambrais zum besten, die in Friedenszeiten Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes Gelächter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers köstlichen Onkel Benjamin erinnerten.
Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Städtchen und fuhren nordwärts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen.
In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von der schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte Felder und saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen. Weit verstreut lagen saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldächern, an deren Mauern Bündel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in den Gärten von Einzelgehöften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen. Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg und explodierten in der Nähe. Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bäche und tötete einige badende Leute vom Regiment 91.
Gegen Abend mußte ich mit einem Vorkommando zur Stellung des Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung vorzubereiten und meine Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere Granaten einige Male „aus dem Schritt gebracht“. In der Dunkelheit hörte ich die Stimme eines Rekruten: „Der Leutnant legt sich ja nie hin.“
„Der weiß ganz genau Bescheid,“ wurde er durch einen Älteren belehrt. „Wenn eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!“
Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. „Nimm nur Deckung, wenn es nötig ist, dann aber plötzlich.“ Den Grad der Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den Endpunkt der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch das leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt.
Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Gräben, die des Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der Führer zufolge vor einigen Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000 24-cm-Granaten vertrieben war. „Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,“ dachte ich mir dabei im stillen.