Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre, bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des Bereitschaftskommandeurs, geleitete.
Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.
Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.
Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann, der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der Außenwand geplatzt war.
Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte. Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ. Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben nicht gewachsen wären.
Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.
Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.
Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen suchten.
Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer, der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt der Trichterwüste gleichmachen mußte.
Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.