Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl, aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50 Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm vorging.
Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten, war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend.
Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt benachrichtigt zu haben.
Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder Waffengattungen, die nicht einmal „Gewehr über!“ kommandieren konnten, nur ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine Menschenleben in Frage kommen.
O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer, gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel. Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal losgehen sollte.
Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen.
Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen, war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.
Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene Hütte und hasteten weiter.
Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.
Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde. Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das Gelände war menschenleer.