Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder.

Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch schwere Stunden bevorstehen mußten.

Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten, schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter rechts traten schwere Verluste ein.

Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre, Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das Ende gefaßt.

Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman „le vautour de la Sierra“, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war. Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost’s: „Ein großes Herz fühlt vor dem Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.“ Heute schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.

Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß fest.

Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des ganzen Krieges.

Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.

Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen.

Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht dich.