Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein Feigling vor mir selbst, ein Lump, der später bei jedem Worte des Lobes erröten muß. Du beißt die Zähne zusammen und bleibst.

An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen Chaussee lagen. Man sah, daß Führer und Mannschaft in einem heroischen Geiste erzogen waren.

Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier als Vorkämpfer muß das Gefühl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen. Das wird einem erst im Kriege ganz klar. —

Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen eingeschwärmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur schlammgefüllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach zurückgezogen.

Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft, setzten wir uns bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte ich durch ein merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte, daß ich mich in einer betrüblichen Lage befand. Es regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des ständigen Steigens der Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin füllte. Während ich mich bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der nächsten Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Straße. Es war eine erbärmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, daß kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu brechen vermag wie Nässe und Kälte.

Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mußte ja dadurch gerade in den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone überwinden, während wir unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen konnten.

Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers, der den Befehl brachte, daß sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte.

Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am Angriffstage gewesen sein mußte. Die Straßen waren besät von Menschen und Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen lagen zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen.

Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen Bälle vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten sich die Reste des Regiments. Wir wurden erschüttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der Stärke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand. Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften. Düsteren Blicks standen die Überlebenden im strömenden Regen, bis die Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um einen glühenden Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwüstlich.

Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie getötet. Trotz der Beschießung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den Regen hinausgeworfen zu werden.